Der nachfolgende Beitrag ist eine vorab-Veröffentlichung aus der Arbeit über die "Geschichte der jüdischen Gemeinden Neufreistett und Rheinbischofsheim" von Gerd Hirschberg, Rheinau

Wissenswertes zur Geschichte jüdischer Mitbürger in Rheinbischofsheim

 

Die Jüdischen Bischemer

Im Jahr 1717 fordert die Straßburger Kaufmannschaft die Schließung der jüdischen Kramerläden in Rheinbischofsheim, womit jüdische Mitbürger erstmals urkundlich erwähnt sind.

Im sogenannten Geisenbrief von 1737 wird von 4 Schutzjuden (= 4 Familien, evtl. mit Mägden und Knechten) geschrieben. Dann sieht die Entwicklung wie folgt aus:

1790 - 9 Schutzjuden 
1814 - 19 Judenfamilien 
1825 - 102 Personen (= 6,7 % der Bevölkerung) 
1875 – 155 Personen (= 9,7% der Bevölkerung)
1900 - 95 Personen (= 6,7 % der Bevölkerung) 
1905 - 87 Personen 
1910 – 72 Personen 
1925 – 69 Personen (= 5,0 % der Bevölkerung) 
1933 - 57 Personen

In Rheinbischofsheim hatte (nach der Quellenlage) der Anteil der jüdischen Einwohner mit 9,7% bzw. 155 Menschen im Jahr 1875 den Höchststand erreicht.

Aus dem Vergleich mit Neufreistett und anderen Orten läßt sich anhand dieser Zahlen folgendes interpretieren: Zwischen 1875 und 1900 war eine deutliche Landflucht festzustellen. Aber anders als etwa in Neufreistett, wo weniger Juden den Ort verließen als ihre christlichen Nachbarn, war in Rheinbischofsheim im gleichen Zeitraum das Umgekehrte der Fall, d.h. es zogen mehr jüdische als christliche Einwohner anderswo hin.

Die Zahlen lassen weiter erkennen, daß die jüdischen Einwohner immer einen zahlenmäßig größeren Bevölkerungsteil stellten als die katholischen Einwohner.

1899 war ein jüdischer Krankenverein gegründet worden, der 1933 noch 31 Mitglieder zählte. Bis 1933 waren Juden auch im Gemeinderat und in den verschiedensten anderen Vereinen vertreten.

Bis 1940 konnten 39 der Juden, die 1933 noch dort ansässig waren, aus Rheinbischofsheim auswandern. Fünf waren bis zu diesem Zeitpunkt schon fort gezogen.

Am 22.10.1940 wurden die letzten 8 Juden nach Gurs in Südfrankreich deportiert; keiner von diesen überlebte das Kriegsende.

 

Die Synagoge

Es gab wahrscheinlich schon zu dieser Zeit eine israelitische Kultusgemeinde in Rheinbischofsheim. Ob diese Gemeinde damals schon eine besondere Synagoge besaß, ist nicht bekannt, aber wenig wahrscheinlich. Es mag eher sein, daß ein Zimmer in einem Haus als Synagoge diente; auch das war und ist möglich.

Die letzte Bischemer Synagoge jedenfalls wurde im Jahr 1815 erbaut. Sie stand in der Oberdorfstraße 3, und wurde erst im Jahr 1953 abgerissen.

 

Aus dem Einschätzungsverzeichnis

Im Generallandesarchiv Karlsruhe wird das Einschätzungsverzeichnis zur Feuerversicherung aufbewahrt, in dem am 20. April 1933 auch die Rheinbischofsheimer Synagoge eingetragen ist. Als Bezeichnung wurde eingetragen: „Öffentliches Gebäude mit Balkendecken; Synagoge, Schulsaal und Wohnung“. Beschreibung der Außenwände: „Zu 1/5 massiv (Stein), 2/5 ausgemauertes Fachwerk (Holz), 2/5 nicht massiv (Flechtriegel)“.

Unter „Bestandteilen und Zubehör“ ist u.a. aufgeführt: „…2 Dachgauben, 1 Kachelofen, 1 eiserner Ofen, Predigerpult..“; der Wert dieser und anderer Teile betrug zum Zeitpunkt der Schätzung 2170 Reichsmark.

Die Fundamente stammen nach diesem Dokument aus dem Jahr 1815, die Kellerumfassungen von 1905. Der bauliche Zustand wird als „ziemlich gut“ beschrieben.

Aus den versicherungstechnischen Einschätzungen der einzeln aufgeführten Positionen ergibt sich für das ganze Gebäude eine Summe „Neubaukosten des ganzen Gebäudes einschließlich Zubehörden“ von 13.002 RM, und nach Abzug auszuschließender Teile und eines Entwertungsanteils eine Versicherungssumme von 10.300 RM.

 

Haushaltsvoranschlag

Im Staatsarchiv Freiburg ist der Haushaltsvoranschlag der Jüdischen Gemeinde Rheinbischofsheim für die Jahre 1924 bis 1936 erhalten geblieben.

Für die Rechnungsjahre 1924-26 hatten die Ausgaben ein Gesamtvolumen von 1408 RM. Für die Gehälter von Kantor, Gemeindeschreiber und Gemeindediener waren dabei 830 RM vorgesehen, der Rest für den Gebäudeunterhalt, Reparaturen, Umlagen u.ä. Von diesem Haushalt mußten 1108 RM durch örtliche Kirchensteuer aufgebracht werden, d.h. von den einzelnen Gemeindegliedern. Je nach finanzieller Einschätzung der einzelnen Familien wurde dabei der Durchschnittsatz von dem gewählten Schätzungsrat erhöht oder gesenkt.

Der Voranschlag mußte acht Tage lang öffentlich ausgelegt werden. Danach fand eine Gemeindeversammlung statt, zu der alle stimmberechtigten Gemeindeglieder einzuladen waren. Beschlußfähigkeit bestand nur, wenn mehr als die Hälfte der Eingeladenen erschienen waren. 1927 z.B. gab es 14 stimmberechtigte Gemeindeglieder, von denen nach dem Morgengottesdienst 9 erschienen, die dann auch alle mit „Ja“ abstimmten. Kirchensteuerpflichtig waren damals 27 Gemeindeglieder.

Ab 1935 erstreckt sich nach einer Vorbemerkung des Haushaltsanschlags der „Bezirk der israelitischen Religionsgemeinde Rheinbischofsheim“ auf die Gemeinde Rheinbischofsheim, vereinigt mit dem Nebenort Freistett, aus dem inzwischen zu viele weggezogen waren. Entsprechend besaß die Gemeinde jetzt 2 Synagogen und 2 Gemeindehäuser mit Gärten.

 

Zeitzeugenberichte

„Die Synagoge sah innen ungefähr aus wie das Hausgereuter Kirchl. Unten waren Bänke und oben quer die Empore. Der Eingang war seitlich, links ging es zur Judenschule und rechts zur Synagoge. Gleich hinter der Tür ist es die Treppe rauf gegangen. Da oben hat eine christliche Frau gewohnt, die Frau Mayer. Und vorher hat da der Judenlehrer Levy gewohnt, bis er gestorben ist. Neben der Synagoge war der Brunnen, über Eck eine Waschküche, die mit der Synagoge durch ein Holztor verbunden war, so daß dahinter abgeschlossen war. Die Synagoge sah innen schön und feierlich aus. Von der Decke hing ein siebenarmiger Leuchter, eine Bibel hatten sie nicht, aber so schöne Rollen. Und schwarze Vorhänge waren wohl drin. Auch bunte Fenster, glaub ich.

Gemeindeversammlungen hatten sie da auch. Einen extra Chor hatten sie nicht, die haben alle gesungen. Der Judenpfarrer hat immer vorgesungen, dann haben sie nachgesungen.“

„1933 gab es noch nicht so viele Fahnen hier. Aber Schilder „Kauft nicht bei Juden“, die gab es hier auch. Man hat sich aber nicht so arg dran gehalten. An öffentliche Bloßstellungen aus dem Grund erinnere ich mich nicht. Es gab hier ja fast nur Judengeschäfte, nur zwei oder drei andere. In der Synagoge war Gottesdienst bis zur Kristallnacht. Das war dann so: Da sind ein paar gekommen und haben die Sachen zusammengeschlagen, Fenster zerschlagen und Bänke rausgeschmissen. Die Sachen haben sie alle kaputt gemacht. Torahrollen als Fahnenstangen getragen und so. Die das gemacht haben, die waren von hier und von außerhalb, aber nicht alle in Uniform. Und nur, weil die Frau Elisabeth Mayer die Wohnung drin hatte, haben sie die Synagoge nicht angezündet.

Am nächsten Tag, wie das war, das weiß ich nicht genau. Man hat nur gehört, daß sie sie auf dem Lindenplatz zusammen getrieben haben, und dann wären sie fort gekommen, auf Kehl.“

„Wenn die christliche Frau da nicht gewohnt hätte, wäre in der Kristallnacht die ganze Synagoge abgebrannt worden. So wurde sie halt demoliert und zusammen geschlagen. Da steht heute nur noch der Brunnen. Zwischen den beiden Türen stand auch ein Nußbaum, aber der ist damals verbrannt. Das Mobiliar haben sie auf den Hof geschmissen und ein Freudenfeuer gemacht, da ist der Nußbaum verbrannt. Fenster haben sie eingeschlagen, den Kronleuchter rausgedonnert, das Gestühl zusammengeschlagen, den Altar, alles - und da haben wir Kinder zugeguckt. Nachdem das alles verbrannt war, haben sie dann einen Umzug gemacht. Einer hat eine Torahrolle an eine Stange genagelt, wie eine Hitlerfahne, und so haben sie dann einen Umzug gemacht. Sie haben die Juden aufgestellt und sind dann abmarschiert, die Oberdorfstraße entlang. Das waren aber lauter Männer in Zivil, keiner in Uniform. Und nur Männer vom Dorf, keine Auswärtigen. Das ging dann auf den Lindenplatz....

... In der Kristallnacht haben die vier oder fünfmal um den Platz rennen müssen, und die SA-Männer in Zivil, aber mit Peitschen - das weiß ich von meinem Vater. Und der Hirschberger war im Talar, und dann mit Fußtritten auf die Lkw rauf nach Kehl. Ein Nachbar hat bei den Cahnmanns mit der Axt die Haustür eingeschlagen. Da ist die Axt drin geblieben und den Stiel hat er in der Hand gehabt. Die war halt nicht gut verkeilt. Da hat der gesagt: „Jetzt hol ich ein Brecheisen und schlag dir die Haustür ein, du Jud, du drecketer!“ Und die junge Frau hat dann die Axt schnell wieder rausgeschmisssen. Dann hat er sie in Ruh gelassen. Der hat ja nur die Axt wieder haben wollen, wie der da draußen getobt hat....“

Weitere Zeitzeugen von der sog. „Reichskristallnacht“ :

„Die SA-Leute waren vom Nachbarort. Die sind hierher gekommen, weil sie bei den Juden Schulden hatten. So haben sie die Schulden heimgezahlt.“

„Wir haben abends viel Lärm gehört. Da wollten wir rausschauen. Aber man hat uns ins Haus zurückgehen lassen mit den Worten: Das ist nichts für euch! Später hab ich gesehen, wie ein Mann oben in der Synagoge war. Der hat die Sachen runter geworfen. Da hab ich gesehen, wie er Geld in der Hand hatte. Das hat er einfach eingesteckt. Ich hab gefragt: Darf der das? Ich hab aber keine Antwort gekriegt.“

„Da gab es einen, der hat die Thorarolle an sein Fahrrad gehängt. Dann ist er damit rumgefahren.“

„Am nächsten Tag (nach der „Reichskristallnacht“) sind sie wieder gekommen und haben den Juden die Türen eingeschlagen.

Berichte vom ganz alltäglichen (und guten) Umgang miteinander:

„Ich hab als Mädchen am Sabbat immer das Feuer bei den jüdischen Nachbarn anmachen dürfen. Dann hab ich hinterher Mazzen gekriegt.“

„Die Juden waren oft Viehhändler. Sie waren sehr freundlich. Auch armen Leuten haben sie eine Stallkuh gegeben; die Kuh mussten sie zurückgeben, aber das Kälbchen durften sie behalten. So sind auch ganz arme Leute über die Runden gekommen. Da gab es welche, die waren ganze Hitlers. Aber froh waren die auch, daß sie von den Juden die Stallkuh bekommen haben.“

„Der Lehrer R. war ein ganzer Nazi: braunes Hemd und schwarze Krawatte und so. Er hat es auch Pfarrer Schwindt nicht leicht gemacht. Wenn er an der Orgel saß, ließ er den Pfarrer manchmal extra lange warten. Die Schüler, die bei BDM waren oder bei der HJ, die hatten am Samstag schulfrei. Die, die nicht mitmachten, mussten zu Schule. Auch der Judenjunge Arthur. Der musste dann in der Schule schreiben, obwohl für ihn Sabbat war und er eigentlich nicht hätte schreiben dürfen. Arthur, dem gings schlimm.“

„Später kamen dann die Schilder, daß man bei den Juden nicht einkaufen darf. Da sind wir halt abends gegangen. Da hat niemand was gemerkt.“

„Da ist eine noch rechtzeitig nach Palästina ausgewandert. Palästina hat man damals gesagt. Alle Juden im Ort haben ihr noch eine Rose mit auf den Weg gegeben.“

„Neben der Synagoge war die Judenschule. Wenn man draussen vorbei gegangen ist, hat man sie laut lesen gehört. Die haben immer laut gelesen.“

 

Der Judenstein von Bische

Der „Judenstein“ von Bische ist der Rest des Löw Simson'schen Familiienbegräbnisses aus dem Jahr 1802.

Bis etwa zu Beginn des Zweiten Weltkriegs standen zwei Gedenksteine (Grabsteine) im Gewann Schießrain. Der heute noch vorhandene Grabstein hat eine hebräische Grabinschrift, die lautet: „Hier ist begraben die ehrenwerte, bescheidene Frau Hännsche (Hanna), Tochter des geehrten Abraham und Frau des geehrten Löw Katz (Kahn) von Bischofsheim. Sie starb am Sonntag den 4. Thamus 5579 TE N Z BAI“.

Die Geschichte der Begräbnisstätte, die durch diesen Stein markiert wird, geht zurück bis ins Jahr 1798. Sie ist eng verbunden mit dem Problem, daß die kleinen jüdischen Gemeinden Neufreistett und Rheinbischofsheim zum Verbandsfriedhof Kuppenheim gehörten, was in der damaligen Zeit „acht Stunden Wegs entfernt“ lag. Weil das so umständlich und auf Dauer auch teuer war, bat der Rheinbischofsheimer Jude Löw Simson am 20. Juli 1800 die Regierung in Darmstadt um „Einwilligung“, daß er auf dem Schießrain ein Familienbegräbnis anlegen dürfe. Nach einigem hin und her, bei dem vonseiten der landesherrlichen Verwaltung zum ersten mal angeregt wurde, in Rheinbischofsheim einen Friedhof für alle Juden des Amtes Lichtenau einzurichten, was aber bei einer Anhörung von der überwiegenden Mehrheit abgelehnt wurde, wurde im April 1802 schließlich die behördliche Genehmigung (einschließlich einer Abgabenordnung) für das Familienbegräbnis erteilt.

1811 leitete eine Beschwerde des Freistetter Pfarrers dann doch die Einrichtung des neuen Judenfriedhofs in Freistett ein. Danach wurde der Familie Löw/Kahnmann die Nutzung ihrer Begräbnisstätte wieder untersagt, was einen sich bis 1846 hinziehenden Rechtsstreit zur Folge hatte. Das ganze endete damit, dass Simson Kahnmann zwar bestätigt wird, daß er Eigentümer des Grundstücks sei, aber auch, daß das Beerdigungsverbot auf diesem Grundstück zu Recht besteht. Damit ist die Akte über den Rheinbischofsheimer Judenstein einstweilen abgeschlossen.

Der Platz gehört heute der israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden. Unterhaltspflichtig ist die Stadt Rheinau.

mit freundlicher Genehmigung von Gerd Hirschberg, Rheinau - alle Rechte beim Autor