Drucken

 


Am 22. Oktober 1940 wurde Kurt Meier mit dem Taxi von der Schule in Freiburg abgeholt. Grund: Seinen Eltern in Kippenheim hatte man gesagt: Packt eure Koffer; in zwei Stunden werdet ihr zu unbekanntem Ziel mit dem LKW abgeholt. Die Eltern Meier wollten ihre Kinder bei sich haben. Ihr Sohn Kurt konnte zu diesem Zeitpunkt als Jude die gewohnte Volksschule in Kippenheim nicht mehr besuchen und war deshalb in Freiburg auf eine jüdische Schule geschickt worden. Zuhause angekommen, kam er gerade rechtzeitig, um, die Schultasche unter dem Arm, mit seiner Familie und den Großeltern auf den LKW steigen zu können, der sie mit vielen anderen zusammen zum Bahntransport ins Konzentrationslager nach Gurs in Südfrankreich bringen sollte.

In den ersten beiden Schulstunden des Anne-Frank-Gymnasiums in Rheinbischofsheim berichtete Dr. Kurt Meier, Jahrgang 1930, Mitarbeiter der Nationalen Bibliothek des Kongresses in Washington USA, am 16. Oktober 2008 über sein Leben und vor allem als Betroffener und Zeitzeuge über die Geschehnisse im Dritten Reich. Er scheute sich nicht, auf vielen Fotos von seiner Familie, den Verwandten und Bekannten und damit vom ganz alltäglichen Leben damals auf dem Dorf zu sprechen, von Brotzeiten mit den Bauersleuten auf dem Feld, von den deutschen Hausmädchen, von den täglichen Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Bilddokumente gaben ein lebendiges Zeugnis von intakter dörflicher Gemeinschaft, in der christliche und jüdische Bürger gut miteinander auskamen. Genau diese detaillierten Lebensbeschreibungen waren es, womit Dr. Meier die Herzen seiner jungen Zuhörer, Schüler und Schülerinnen der 10.ten Klassen des Gymnasiums und der 8.ten Klasse, welche am Mahnmalprojekt von Gymnasium und Evangelischer Kirchengemeinde mitgearbeitet haben. Dr. Meier spann immer wieder den Bogen zum Leben der jungen Menschen heute, zeigte, wie man damals ohne Handy, Email und MP3-Player lebte. Jedem, der eine seiner Fragen zu beantworten wusste, reichte der Wahlamerikaner mit immer wiederkehrender Sehnsucht nach seiner Kippenheimer Ursprungsheimat mit witzigen Worten Postkarten aus den USA.

Sein Vortrag ging aus mehreren Gründen unter die Haut. Man spürte die Nähe zu Menschen, die in der Zeit der Nazidikatur jäh und mutwillig auseinander gerissen wurden und zum großen Teil umgebracht wurden. Es wurde erneut deutlich, wie unverständlich es ist, daß solche guten zwischenmenschlichen Beziehungen von heut auf morgen zerstört werden konnten – und dies auch als Mahnung für uns Heutige, aufmerksam und sensibel zu bleiben für Missachtungen der Menschenwürde und um sich früh genug dagegen zu wehren. Dr. Meier konnte aufgrund seiner Erlebnisse ein sehr genaues Bild von den furchtbaren Zuständen im Camp de Gurs geben. Daß der Vortrag so wichtig und gelungen ist, liegt wohl auch an der tiefen Menschlichkeit, Lebensweisheit und Gewitztheit des Referenten, der sich so ausdrucksstark über die Beziehung zu anderen Menschen freuen kann.

Die Rektorin des Anne-Frank-Gymnasiums, Gabriele Lefevre dankte in herzlicher Weise dem Referenten und seiner Begleiterin, Renate Kreplin aus Lahr, die das ökumenische Mahnmalprojekt in Baden koordiniert. Am Sonntag, 19. Oktober wird Dr. Meier in Neckarzimmern bei der dortigen Einweihung u.a. des Rheinbischofsheimer Mahnmals dabei sein.