Liebe Gemeinde,

es gibt viele schöne Geschichten zur Weihnachtszeit – mal besinnlich, mal heiter, mal anregend. Ich erzähle sie gerne in unseren Gemeindegruppen oder im Religionsunterricht. Und mit den Jahrzehnten kennt man dann die meisten Geschichten. Aber in diesem Jahr ist mir eine Geschichte begegnet, die

ich so noch nicht gekannt hatte. Sie ist tatsächlich so passiert.

Im Dezember 1914, im ersten Weltkrieg, standen sich an der Westfront auf der einen Seite französische und englische, auf der anderen Seite deutsche Truppen gegenüber, nur geschützt durch mannshohe Schützengräben. Es wurde um jeden Meter gekämpft. Soldaten, die unvorsichtig waren und über den Grabenrand hinausschauten, wurden Opfer von feindlichen Scharfschützen.  Doch in den Mittagsstunden des Heiligabends 1914 schwiegen plötzlich die Waffen. Niemand schien an Kampfhandlungen interessiert. Und als am Abend aus dem deutschen Schützengraben „Stille Nacht“ zu hören war, antworteten die Briten mit „Silent Night“. Damit nicht genug: An einem deutsch-französischen Frontabschnitt rief am Weihnachtsmorgen einer aus dem französischen Schützengraben „Guten Morgen, Fritz!“ und gleich darauf war aus dem deutschen Schützengraben ein „Bonjour Pierre“ zu hören. Und diese Männer in den Gräben, die nahmen ihren Mut zusammen und kamen raus aus ihren Schützengräben. Die Hände über den Kopf haltend, gingen sie aufeinander zu. Dieses Geschehen wiederholte sich an vielen Frontabschnitten. Und plötzlich tauschten Briten und Deutsche miteinander Leberwurst und Pudding, Franzosen und Deutsche teilten sich Cognac und Zigaretten.

Was damals an der Westfront geschah, ist fast unglaublich. Und als genauso unglaublich müssen 1900 Jahre zuvor die Hirten auf dem Feld in Bethlehem das empfunden haben, was sie in jener wundersamen Nacht sahen und hörten. Glücklich waren sie wieder zurückgekehrt von der Krippe. Und noch immer klang in ihren Ohren, was der Engel gesagt hatte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden.“

Vom Frieden auf Erden wagten die Menschen seinerzeit nicht zu träumen. Die Römer hatten Dutzende von Ländern unterjocht, pressten sie mit Steuern aus und schlugen brutal jeden kleinsten Widerstand nieder.

Trotz Jesu Geburt kehrte kein Friede auf der Erde ein, und das zog sich so durch die Jahrhunderte und Jahrtausende bis in unsere Zeit. Es gab nur wenige Ausnahmen. So wie beim Weihnachtsfrieden des Kriegsjahres 1914 an der Westfront.

Dort war es den Soldaten nicht vergönnt, weiterzumachen mit Pudding, Zigaretten und Frieden. Zwar billigten die meisten Offiziere vor Ort zunächst die Verbrüderungen. Aber die Angst der großen Befehlshaber, die Soldaten würden gar nicht mehr kämpfen, war so groß, dass sie schon für den zweiten Weihnachtstag allen mit Erschießungen drohten, die den Dienst an der Waffe nicht wieder aufnahmen. Und es sollten vier Jahre vergehen bis zum nächsten, vorläufigen Frieden.

Und dennoch, eines konnte den Soldaten keiner mehr nehmen: Die Weihnachtsbotschaft vom Hirtenfeld von Bethlehem – sie war für sie auf eine unglaubliche Weise lebendig und wahr geworden.

Was damals unter den bedrückenden Bedingungen des Krieges möglich war – sollte das in unserer Zeit und Welt nicht doch wahr werden können?

Auf den ersten Blick: Nein. Denn zu hart ist der Würgegriff, mit dem die Diktatoren unserer Zeit – in Moskau, in Peking, in Washington, in Ankara, in Damaskus und an vielen Orten –  ihren friedliebenden Menschen die Luft nehmen und immer neue Herde des Unfriedens und Krieges entfachen.

Und dennoch malt der Weihnachtsstern die Weihnachtsbotschaft in ihrer ganzen Klarheit und Eindeutigkeit hell glänzend ans Firmament: „Ehre sei Gott in der Höhe – und Friede auf Erden bei den Menschen.“

So viel Dunkel all die irdischen Machthaber auch über die Erde bringen, das einstige Kind aus der Krippe wird eines Tages alles Dunkel mit Leichtigkeit hinwegpusten.

Es wird die Zeit kommen, da leben auf allen Kontinenten die Menschen in Frieden zusammen. Es wird die Zeit kommen, da gibt es in keinem Land mehr die ungerechte Kluft zwischen arm und reich. Es wird die Zeit kommen, da darf in jeder Stadt und in jedem Dorf jeder und jede so leben, wie es ihm oder ihr gefällt. Diese Zeit wird kommen – vom Kind in der Krippe versprochen – aber sie ist noch nicht da.

Was tun in der Zwischenzeit? Warten, bis es soweit ist? Zu wenig. Dafür beten? Das ist gut. Aber Beten alleine ist zu wenig.

Wir könnten ja dem Kind in der Krippe seinen einen großen Weihnachtswunsch erfüllen. Das heißt dann: Lasst uns, anders als die Mächtigen in der Welt, dem Frieden nicht mehr im Wege stehen mit all unseren Sturheiten, unseren Eitelkeiten, unserem Geltungswahn, unserem Egoismus.

Lasst uns jene Männer des Jahres 1914 zum Vorbild nehmen und – jeder und jede – zumindest einmal den Schützengraben verlassen, lasst uns mit erhobenen Händen auf einen Menschen zugehen, der uns Feind geworden ist – und lasst uns einer dem anderen die Hand reichen.

So können wir nicht nur zu Wegbereitern des Friedens werden, sondern schaffen ein neues Weihnachten, so wie wir es oft in einem Lied besingen: "Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden und neu beginnen, ganz neu: Da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns.“

Amen.