Liebe Gemeinde,

letzte Woche im Lehrerzimmer sagte eine Kollegin mitfühlend zu mir: „Du Armer, wir alle können feiern, und du musst arbeiten. Du hast wahrscheinlich überhaupt nichts von Weihnachten, oder?“ Ich habe ihr dann geantwortet, dass ich eigentlich doch ziemlich viel von Weihnachten habe und ja auch gut esse und feiere – aber irgendwie hat mich die Frage der Kollegin nicht mehr losgelassen. Und mittlerweile denke ich mir:

„Nein, es ist ganz anders. Wahrscheinlich bin ich von allen Gemeindegliedern hier derjenige, der am meisten von Weihnachten hat.“

Denn ich feiere fünf verschiedene Gottesdienste, und jeder ist etwas anders, aber in ihrer Verschiedenheit ergeben diese Gottesdienst ein buntes, komplettes Bild dessen, was und wie wir an Weihnachten feiern können.

Es begann dieses Jahr mit einem wunderbar quirligen Familiengottesdienst, dann die Christvesper im Bürgerhus in Holzhausen und der große, helle Heiligabendgottesdienst in Rheinbischofsheim. Und bevor wir nun morgen früh in Hausgereut wieder mit viel Musik Gottesdienst feiern, haben wir uns jetzt am Abend, in aller Ruhe, hier versammelt – zum Abschalten, zum Aufnehmen der Stimmung und zur Feier des Abendmahls. Ich mag diesen Abend-Gottesdienst sehr, er tut so gut.

Und genauso, wie sich die Gottesdienste ändern, wandelt sich nun auch die Perspektive: Nicht mehr das Kind in der Krippe steht im Mittelpunkt des Geschehens, sondern die Hirten. Dazu lesen wir im Lukasevangelium folgendes:

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Die Hirten, liebe Gemeinde, begnügten sich nicht mit der heiligen Nacht, sondern sagten: Das muss weitergehen und weitergesagt werden. Das taten sie dann auch. Aber die meisten, denen sie die Neuigkeit erzählten, “verwunderten sich”, heißt es in der Bibel. Das ist harmlos ausgedrückt; auf gut Deutsch heißt das: Die hielten die Hirten für verrückte, dumme Schwätzer. Denn das passte niemandem in sein Welt- und Gottesbild: dass Gott sich ausgerechnet den Hirten, diesen einfachen, einfältigen Menschen, zeigen würde. Die Hirten selbst konnten das auch kaum glauben, was ihnen der Engel verkündigt hatte.

Als die Hirten im Stall angekommen waren, verstanden sie nicht alles. Aber sie ahnten, dass hier Wunderbares geschehen war, dass der Himmel die Erde berührt hatte. Sie spürten: Gott ist einer von uns geworden. Sie sahen, dass Gott im wahrsten Sinne des Wortes heruntergekommen war. Mit ihren eigenen Augen nahmen sie wahr, was bis heute viele Menschen nicht wahrhaben wollen: dass die neue Geschichte Gottes mit den Menschen in einem erbärmlichen Milieu beginnt. Gott ist in dieser Geschichte kein zauberhaftes, zum Streicheln einladendes Herrgöttlein, das die Besucher niedlich anlächelt; sondern Gott muss tief in die Niederungen dieser Welt eintauchen, damit die Menschen ihn dort wahrnehmen, wo er in Wahrheit steht: auf der Seite der Armen und Entrechteten, auf der Seite der Obdachlosen und Flüchtlingen, auf der Seite der Hoffnungslosen und Entwurzelten.

Die Hirten konnten das begreifen, weil sie selbst auf diese Seite gehörten. Als Gott Mensch wurde, das sahen die Hirten mit eigenen Augen, kam er nicht als holder Knabe mit lockigem Haar zur Welt, sondern als Baby, das sofort die Not der Welt am eigenen Leibe zu spüren bekam. In Armut, Dreck und Kälte verbrachte das Neugeborene seine ersten Stunden und Tage auf dieser Erde. Das war den Hirten wohlvertraut, denn ihre eigenen Kinder hatten sie unter ganz ähnlichen Umständen groß werden sehen.

Deshalb waren die Hirten auch die idealen Botschafter Gottes. “Die redlichen Hirten knien betend davor”, singen wir in einem Weihnachtslied. Und redlich waren sie in der Tat. Sie verklärten das neugeborene Kind nicht zu einer kitschigen Krippenfigur, sondern erzählten, was sie gesehen hatten, so weiter.

Und darum geht es bis zum heutigen Tag an Weihnachten: es WEITERERZÄHLEN. Weitererzählen, dass Gott im Kleinen in diese Welt gekommen ist; weitererzählen, dass Gott nicht als Thriumphator Einzug gehalten hat; weitererzählen, dass Gott kein Siegertyp ist und dass er auch von uns nicht erwartet, dass alles in unserem Leben gelingt; weitererzählen, dass Krippe und Kreuz aus demselben Holz geschnitzt sind und deshalb Gott denen, die leiden, ganz nahe ist; weitererzählen, dass wir uns vor Gott nicht groß machen müssen, sondern dass Gott auch das Kleine, Unvollkommene zu schätzen weiß; weitererzählen, dass wir vor einem Gott, der in Armut zur Welt kam, auch all unsere Unzulänglichkeiten nicht verstecken müssen; oder ganz einfach: weitererzählen, dass wir Hoffnung haben dürfen. Amen.