SILVESTER-PREDIGT 2019

 

a) Blick zurück auf das Gemeindeleben

Unsere Kirchengemeinde hat ein segensreiches Jahr hinter sich.

Viele wussten die Vielfalt unserer Gottesdienste zu schätzen. Wir haben uns gefreut über die Mitfeiernden, nehmen die Zahl derer, die um die Gottesdienste einen großen Bogen machen,

zur Kenntnis – und schließen sie in unsere Gebete mit ein.

Immer wieder schenkt Gott uns Menschen, die uns Zeit schenken und an vielen Stellen im Gemeindeleben mitzuarbeiten: Am 1. Dezember wurde der neue Kirchengemeinderat gewählt. Die Wahlbeteiligung lag weit über dem landeskirchlichen Durchschnitt, auch bei den Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren. Fünf KGRäte werden mit ihren ganz unterschiedlichen Gaben unsere Gemeinde bereichern und zusammen mit ihrem Gemeindepfarrer die Gemeinde leiten.

Unser Gemeindehaus haben wir nach Pfarrer Hans Schwindt benannt, um einem Rheinbischofsheimer Pfarrer, der durch die Nationalsozialisten bitteres Unrecht erleiden und sein Leben lassen musste, die Würdigung zukommen zu lassen, die er verdient hat. Wir gehen davon aus, dass das sehr bald auch am Denkmal auf dem Friedhof wahrzunehmen ist.

Nach wie vor steht unsere Kirchturmsanierung an. 2020 wird sie wohl beginnen. Ein finanzieller Kraftakt kommt auf uns zu. Wir gehen ihn ohne Furcht an. Es ist das Haus Gottes, und Gott wird Wege und Menschen finden, um uns zu unterstützen.

Und auch sonst wird Gott als der Herr der Kirche unser Schiff Gemeinde mit Sicherheit nicht untergehen lassen. 

 

b) Lied: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“

 

c) Geborgen in die Zukunft

Es ist auf den Tag genau 75 Jahre her. 31.12.1944: Auf einem Landgut in Preußen sitzt eine 20-jährige junge Frau. Ihr Name ist Maria von Wedemeyer. Ihr Vater ist zwei Jahre zuvor bei Stalingrad gefallen. Doch dann hat sie den Mann gefunden, mit dem sie für immer glücklich bleiben will. Er ist 15 Jahre älter, das spielt für sie aber keine Rolle. Vor anderthalb Jahren haben sie sich verlobt. Doch nur wenige Wochen später wurde er verhaftet von den Nationalsozialisten. Der Vorwurf lautet Verschwörung.

Alles, was Maria von Wedemeyer von ihrem Geliebten geblieben ist, hält sie in ihrer Hand: die Briefe, die er ihr aus dem Gefängnis geschrieben hat. Ein paar Tage zuvor, zu Weihnachten, hat er ihr ein wunderschönes Gedicht geschickt. Als Weihnachtsgruß für sie und seine Eltern. 28 Zeilen hat es, eine schöner und tiefer als die andere. Vor allem die letzten vier Zeilen lest sie immer wieder durch:

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Liebe Gemeinde, „Von guten Mächten“ ist ein wunderschönes Lied. Es ist keines, das man singen sollte, ohne seine Hintergründe zu kennen.

Mit seinem Gedicht „Von guten Mächten“ wollte Dietrich Bonhoeffer seine Verlobte und seine Eltern trösten, wohl auch sich selbst. Ob er ahnte, dass dies sein letztes Weihnachten und Silvester war? Wir wissen es nicht.   Unbestreitbar ist, dass dieses Gedicht durchzogen ist von dem festen, tiefen Glauben daran, dass wir nicht aus Gottes Hand fallen werden, was auch immer geschieht.

Wir gehen auf ein neues Jahr zu mit unseren Erwartungen, mit unseren Hoffnungen und vielleicht auch Befürchtungen. Niemand von uns weiß, was kommen wird. Manches können wir schon selbst beeinflussen und gestalten. Aber niemand ist unter uns, der es alleine in der eigenen Hand hätte, ob er oder sie heute in einem Jahr glücklicher ist als jetzt oder nicht. Niemand ist unter uns, der sein Leben absichern könnte mit einer Garantie.

Aber jeder und jede von uns darf das neue Jahr beginnen in der Gewissheit, von der sich Dietrich Bonhoeffer auch im Angesicht seiner drohenden Hinrichtung immer noch tragen lassen konnte, von Gottes Zusage:

Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Dass wir genau diese Nähe Gottes spüren im kommenden Jahr, im Lachen und im Weinen, auf grünen Auen und in finsteren Tälern, das ist mein großer Wunsch – für uns alle.

Amen.