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Liebe Gemeinde,

zu einem neuen Kalenderjahr gehört für viele von uns, auch für mich, eines unaufgebbar dazu: die neue Jahreslosung.

In diesen Tagen begegnet mir die 36. Jahreslosung in meiner Dienstzeit. Darunter waren oft Jahreslosungen, die

mich angerührt haben, die mit mir zu tun, die mich sofort angesprochen hatten. Manchmal sind mir auch Jahreslosungen begegnet, die mir gar nichts sagten, zu den ich keinen Zugang fand, so wie im letztem Jahr („Suche den Frieden und jage ihm nach“). Damals war ich froh, dass unser Hanauerland-Gottesdienst just auf den 6. Januar fiel und ich nicht über die Losung predigen musste, sondern eine Weihnachtsgeschichte aussuchen konnte.

Aber dieses Jahr, da ist es anders. Da haben wir eine Jahreslosung, die ansprechend ist im besten Sinn, weil sie uns alle anspricht und mit uns selbst, mit unserer eigenen Lebenserfahrung viel zu tun hat. Sie steht im 9. Kapitel des Markusevangeliums und heißt: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“

Wer ist dieser Mensch, von dem diese Worte stammen? Es war ein Mann, dessen Sohn schwer erkrankt ist. Zunächst hat der Vater die Jünger gebeten, sein Kind zu heilen, doch die konnten es nicht. Jetzt steht der Mann mit seinem Anliegen vor Jesus. Er erzählt Jesus von seinem Sohn und von seiner eigenen Hoffnungslosigkeit und sagt abschließend: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Jesus schaut den Mann an und antwortet: „Du sagst ‚Wenn du kannst‘ – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Und daraufhin schreit der Vater: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Und Jesus macht postwendend das Kind gesund.

Das ist also die Überschrift über 2020: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Es ist der Verzweiflungsschrei eines Menschen, der allerhöchstens noch einen Kleinstfunken Hoffnung hat.

Wissen Sie, was mich – außer der Heilung selbst – am meisten freut an dieser Geschichte? Dass Jesus den Vater keiner Glaubensprüfung unterzieht; dass Jesus nicht antwortet „Ich kann nur überzeugten Menschen helfen“; und dass Jesus dem Vater das Zweifeln erlaubt. Das gefällt mir. Es gefällt mir, weil wir manchmal in einer ähnlichen Situation sind wie jener Vater. Etwa, wenn uns ein Geschehen aus der Bahn zu werfen droht; wenn ein Unglück über uns herein bricht; wenn plötzlich eine schwere Erkrankung erfahren; wenn auf einmal alle Sicherheiten davonschwimmen.

Wohl dem, der in solchen Momenten in seinem Glauben einen unumstößlichen Halt findet! Aber wie viele dieser Menschen gibt es? Und gehören wir, so wie wir hier sitzen, nicht vielleicht zu denen, die so ähnlich denken und fühlen wie der Vater?

In meiner letzten Gemeinde gab es Gemeindeglieder, die sagten: „Glaube wächst im Laufe der Jahre und wird fester und größer.“ Wenn ich diesen Menschen dann antwortete: „Mein Glaube ist wie eine Sinuskurve – mal hoch, mal runter“, waren die ganz schockiert: Ein Pfarrer, der zweifelt; ein Pfarrer, dessen Glaube manchmal schwach ist; geht das überhaupt?

Christsein und Wanken, Glauben und Zweifeln – geht das zusammen, liebe Gemeinde? Ich glaube, es geht NUR ZUSAMMEN. Der Vater jenes Kindes ist der beste Beweis. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ sagt er. Was für ein Widerspruch! Wenn man sagt „Ich glaube“ – kann man dann allen Ernstes auch ein Stück Unglauben in sich tragen? Vielleicht hat der Vater gemeint: „Ich würde gerne fest glauben – ich kann es aber nicht – deshalb hilf mir, zu glauben!“ Mich beruhigt, dass Jesus auch da hilft, wo er auf Zweifel stößt.

Das ist gut mit Blick auf das neue Jahr. Was auch immer im Neuen Jahr kommen mag – wir werden getragen: entweder von unserem Glauben oder von dem höchstpersönlich, auf dessen Namen wir getauft sind.

Vorhin haben alle ein Buchzeichen mit der Jahreslosung erhalten. Das darauf zu sehende Bild von Waltraud Zizelmann spricht mich sehr an. Im Mittelpunkt sehe ich zwei Menschen. Oder ist es ein Mensch und ein Engel? Oder Jesus und einer, der ihn um Hilfe bittet? Viele Deutungen sind möglich. Da ich fest davon überzeugt bin, dass Engel keine Flügelwesen sind, sondern Menschen, die sich von Gott zu einem Sonderdienst berufen lassen, lese ich in diesem Bild die Aufforderung an uns alle: „Seid im neuen Jahr aufmerksam und füreinander da. Werdet einander zu Stützen, wenn der Glaube wankt. Gebt eins dem anderen Halt, wenn der Glaube einmal nicht trägt.“

Ich denke, dass jedem von uns im neuen Jahr Menschen begegnen werden, die unseren Halt brauchen. Und gleichzeitig dürfen wir im neuen Jahr auf Menschen hoffen, die uns stützen werden, wenn alles zu schwer ist. So lasst uns gesegnet und getragen den Weg durch das neue Jahr gehen. Gott wird uns nicht alleine lassen. Amen.