Liebe Gemeinde,

da gibt es einen Gedanken, der durchzieht den Gottesdienst an diesem Sonntag wie ein roter Faden, nämlich:

"Auch in den ärgsten Nöten dürfen wir darauf bauen, dass Gott uns daraus errettet."

So lobt der Wochenspruch Gottes Tun an den Menschen; der Psalm redet von den Rettungstaten; in der Lesung haben wir gehört, wie der Apostel Paulus Rettung von Gott erhofft. Und auch der heutige Predigttext aus dem Matthäus-Evangelium erzählt von einer Rettung, von einem Wunder, über das wir auch im KU am Mittwoch gesprochen haben:

22 Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. 26 Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 32 Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Wenn wir eine solche Geschichte hören, fragen wir uns oft: War das wirklich so? Und wenn ja: Wie war das möglich? - Ich persönlich glaube: Ein Gott, der einen Toten wieder zum Leben auferwecken kann, der kann auch auf dem Wasser laufen. Der macht das gewissermaßen mit links.

Aber was ist, wenn Menschen das nicht glauben können? Vor etwa 300 Jahren hat man versucht, dieses Wunder zu erklären: Die einen haben gesagt, genau dort, wo Jesus sich bewegt habe, seien Steine gewesen. Andere meinten, der Salzgehalt sei so hoch gewesen, dass man auf dem See habe laufen können. Diese Erklärungsversuche sind vollkommen daneben. Sie zeigen uns, dass wir an die Wundergeschichten nicht mit unserem Verstand gehen dürfen, um das begreifen zu wollen, was nicht in unser Gehirn passt. Und die Wunder sind auch nicht passiert, weil Jesus eine große Zaubershow aufführen wollte. Vielmehr wollte Jesus mit jedem Wunder auf etwas hinweisen. Mit der Speisung der 5000 sagte Jesus: „Wer zu mir kommt, wird nicht hungern.“ Der Fischzug des Petrus enthält die Botschaft: „Eure Mühen sind nicht vergebens.“ Das Wunder bei der Hochzeit von Kana sagt uns: „Wo Jesus ist, ist Freude.“  Soweit. Aber was sagt uns nun dieses Wunder vom auf dem See wandelnden Jesus?

Um dieses Wunder zu begreifen, müssen wir einen Menschen und einen Gegenstand ganz besonders unter die Lupe nehmen: zum einen Petrus, und zum anderen das Boot.

Schauen wir uns zuerst Petrus an, neben Jesus die schillerndste Figur des gesamten Neuen Testaments. Der ist so etwas wie der Chef-Jünger, aber nicht, weil er der gläubigste gewesen wäre, im Gegenteil: Ganz oft haben ihn Zweifel geplagt. Ich mag die Petrus-Geschichten, denn wann immer die Bibel von Petrus erzählt, erzählt sie von Ihnen, von euch, von mir. Petrus ist nämlich einer von uns. (Nehmen Sie sich einmal die Zeit, und ersetzen Sie in einer solchen biblischen Geschichte das Wort Petrus durch das Wort „ich“, Sie werden erstaunt sein.)

Und was erlebt Petrus hier? Er und die anderen Jünger sind ohne Jesus im Boot unterwegs. Wie die anderen, hat auch Petrus Angst. Aber als Jesus auftaucht, macht ihn das mutig. Da, auf dem Wasser, steht Jesus, da kann mir nichts passieren, denkt er. So will Petrus voller Mut und Vertrauen auf Jesus zugehen. Doch da kommt starker Wind auf, Petrus wird angst und bange. Irgendwie ist plötzlich der Zweifel stärker als der Glaube, Petrus beginnt zu versinken – da geschieht das eigentliche Wunder: Jesus rettet ihn. Und das ist nicht selbstverständlich! Jesus hätte auch ein Exempel statuieren und Petrus ertrinken lassen und den anderen Jüngern mit erhobenem Zeigefinger sagen können: „So geht es dem, der mir nicht vertraut!“ - Aber Jesus handelt anders. Kein Vorwurf, sondern die eher erstaunte Frage an Petrus: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Ich habe vorhin gesagt: In Petrus-Geschichten kommen auch wir vor. Und in der Tat erleben wir das manchmal ähnlich: Da vertrauen wir auf Gott, aber im entscheidenden Moment schwingen dann leise Zweifel mit, und dann bläst uns – wie bei Petrus – auch noch der Wind ins Gesicht. Da wird es dann schwer mit dem Glauben. Dieser Gegenwind, der unseren Glauben in Kleinglauben verwandelt, steht für die schweren Momente unseres Lebens: den Verlust eines lieben Menschen; oder Trennungen; Enttäuschungen; eigene Krankheiten und Schwächen; Angst vor der Zukunft; Ausgebrannt-Sein; Unklarheit darüber, wie es weiter geht; und in vielen ähnlichen Situationen erleben wir wie Petrus, dass wir trotz unseres Glaubens diesen einen Schritt in die Arme Jesu nicht schaffen. – Aber wie Petrus erleben auch wir, dass Jesus irgendwann zupackt, uns festhält und herauszieht aus unserer Not. Diese Erfahrung stärkt unseren Kleinglauben dann wieder. So steckt in dieser Petrus-Geschichte einiges aus unserer eigenen Lebens-Geschichte.

Jetzt kommt noch etwas dazu: die Sache mit dem Boot. So wie Petrus-Geschichten uns als Einzelne im Blick haben, so ist das Boot in den Evangelien ein Symbol für Kirche und Gemeinde. Und dann wird diese Geschichte plötzlich zu einer Erzählung über die Kirche, die durch das Meer der Zeit fährt. Viele haben der Kirche den Rücken zugekehrt; viele sprechen der Kirche die Existenzberechtigung ab; viele zelebrieren das Leben als Party, auf der kein Platz für Kirche ist; viele drehen sich am Sonntagmorgen beim Glockenläuten noch einmal im Bett um, anstatt mit dem Besuch des Gottesdienstes Gott die Ehre zu geben, die ihm an diesem Morgen ganz besonders zusteht.

Auf diese und viele andere Weisen bläst nicht nur der Kirche, sondern auch unserer Gemeinde immer wieder der Wind ins Gesicht, mitunter sehr kräftig. Und so nötig es ist, dass unsere Gemeinde auf die vielfältigen Herausforderungen antwortet, ist es noch wichtiger, dass wir alles in der einen  Gewissheit tun, die da heißt: Wir haben Jesus mit im Boot, und deshalb kann unserer Gemeinde nichts passieren. Niemals würde Jesus zulassen, dass es untergeht, das „Schiff, das sich Gemeinde nennt.“

Amen.