Liebe Gemeinde,

über das Gleichnis vom Weinberg, das wir in der Lesung gehört haben, haben wir auch im Konfirmandenunterricht geredet: Dass da am Ende alle den gleichen Lohn erhalten, das hat niemanden von euch sonderlich aufgeregt.

Aber wenn es kein Spiel gewesen wäre? Stellt euch vor,

wir würden uns am Mittwoch um halb drei zum Kirchenputz treffen. 7 von euch wären rechtzeitig da, nur einer käme erst um halb fünf angetrödelt. Um fünf Uhr, alles ist geputzt, würde ich sagen: „Danke! Für eure Mitarbeit bekommt ihr 8 Eintrittskarten in den Europapark. 8, versteht ihr? Selbst für den Trödler hätte es noch eine gegeben. Ich denke, da würden einige sagen: „He, der hat ja gar nicht viel gearbeitet, warum bekommt der jetzt das gleiche wie wir?“ Und damit, Ihr Lieben und liebe Gemeinde, sind wir mitten in dem Gleichnis gelandet.

Da haben die einen den ganzen Tag geschuftet, andere einen halben Tag und einige nur eine Stunde. Doch der Weinbergbesitzer lässt allen das gleiche ausbezahlen. Ist das gerecht?

Gerecht ist der Weinbergbesitzer ganz bestimmt zu denen, die ganz früh angefangen haben. Er gibt ihnen, was recht ist, eben den vereinbarten Silbergroschen. Aber wenn er zu den anderen gerecht wäre, müsste er ihnen den Lohn kürzen. Aber er ist zu denen, die später kamen, nicht gerecht, er ist das Gegenteil. Und das Gleiche gilt, deshalb hat Jesus das Gleichnis erzählt, auch von Gott. Gott ist nicht gerecht, sondern das Gegenteil von gerecht: Gott ist barmherzig.

Manche Theologen legen das Gleichnis aus als Grundlage einer neuen Wirtschaftsordnung und als Aufruf Jesu, Geld und Gut nicht nach Leistung, sondern an alle gleich zu verteilen; andere sehen in den später Kommenden die Heiden, die nicht sofort zum Glauben fanden; und manche meinen, dass Jesus sagen wollte: „Auch wer nur wenig mitarbeitet in der Welt und der Kirche, auch der wird am Ende belohnt werden.“

Ganz falsch ist keine dieser Auslegungen, aber eines übersehen sie: dass im Mittelpunkt des Gleichnisses weder die Arbeiter noch ihr Lohn stehen, sondern der Weinbergbesitzer. Somit geht es zuerst um Gott und um seine Barmherzigkeit.

Da bekommt einer etwas, obwohl er praktisch nichts geleistet hat! Gerade weil das an keinem Arbeitsplatz der Welt passieren wird, gerade weil der Weinbergbesitzer so anders ist als alle Arbeitgeber dieser Welt – gerade deshalb erklärt dieses Gleichnis uns so gut, was das bedeutet, wenn wir sagen, dass Gott barmherzig ist. Es geht nicht in alle Köpfe hinein mit Gottes Barmherzigkeit, denn – Hand aufs Herz – es ist doch so: Einerseits wollen wir ihn schon, den barmherzigen Gott, vor allem für uns selbst und unsere Lieben, damit er uns unsere Unzulänglichkeiten vergibt. Aber andererseits ist für manche der Gedanke unerträglich, dass Gott auch barmherzig sein könnte gegenüber denen, die - unserer Meinung nach - gar keine Barmherzigkeit verdient haben.

Liebe Gemeinde, wenn wir von Gottes Barmherzigkeit reden, sollten wir uns genau überlegen, was wir da sagen. Gottes Barmherzigkeit ist genauso unfassbar wie das, was damals der Weinbergbesitzer getan hat. Und wir sollten uns hüten, uns als diejenigen zu betrachten, die gleich in der Frühe mit der Arbeit begonnen haben und denen der größte Lohn zusteht. Es schadet nicht, wenn wir uns selbst in denjenigen finden, die erst spät eingestellt wurden, die wenig für die Sache Gottes getan haben und nun ganz besonders viel Barmherzigkeit erfahren haben.

Die als letzte kamen: Wie ist deren Leben wohl weitergegangen? Vielleicht haben sie sich davongeschlichen, beschämt und glücklich. Vielleicht haben sie den Lohn gleich in Wein verwandelt; vielleicht darüber nachgedacht, was da geschehen war. Vielleicht hat das einiges in ihrem Leben umgekrempelt.

Bestimmt hat Jesus das Gleichnis auch deshalb erzählt, weil er wollte, dass die Barmherzigkeit, die Menschen so unverdient erfahren, etwas verändert in ihrem Leben.

Und damit sind wir nun bei uns selbst. Wir alle haben schon auf vielfältige Weise Gottes Barmherzigkeit erfahren - und was bewirkt sie in uns? Wie viel Barmherzigkeit geben wir an andere weiter? Möglichkeiten gibt es genug, einige Anregungen:

Da, wo uns Menschen anvertraut sind, in unserer eigenen Familie, an unseren Arbeitsplätzen, in unseren Vereinen, da lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken: Bin ich barmherzig genug?

Auch da, wo wir uns als Gemeinde Jesu Christi treffen, im Gottesdienst, in unseren Gemeindegruppen und in unseren Gremien, da schadet diese Frage nicht: Ist genügend Barmherzigkeit da? Sind unsere Arme kräftig genug, dass sich auch die hineinwerfen können, die wir nur schwer auffangen können? Sind die Kirchentüren weit genug geöffnet, damit Platz auch für die ist, die viele Lasten mit sich herumschleppen?

Auch vor unseren Arbeitsplätzen macht die Barmherzigkeit nicht Halt. Sind wir bei der Arbeit barmherzig? Lassen wir den anderen mit dieser oder jener Unzulänglichkeit auch leben? Oder drücken wir ihn bzw. sie an die Wand?

Auch die Gesellschaft, deren Teil wir sind, muss sich fragen lassen: Ist bei euch Raum für Barmherzigkeit? Welche Chance haben bei euch die zu kurz Gekommenen, die, die es einfach nicht packen, und die, die ihr als nicht gesellschaftsfähig brandmarkt?

Utopien von der Kanzel? Vielleicht. Aber wenn nicht die Kirchen, wer sonst könnte Barmherzigkeit einfordern? Und ich glaube, genau das wollte Jesus mit dem Gleichnis erreichen: dass es barmherziger zugeht in dieser Welt. Uns hat er dazu berufen, diese Barmherzigkeit vorzuleben und sie vor aller Welt zu bezeugen – uns, die aus dieser Barmherzigkeit Gottes ihre Kraft schöpfen und bekennen dürfen: „Mir ist Erbarmung widerfahren“.

Amen.