Liebe Gemeinde,

Gott straft nicht! Was auch immer in unserem Leben passiert. Das war die Botschaft des Propheten Micha, die wir gerade in der Schriftlesung gehört haben.

Und das mit der Strafe Gottes ist ja recht aktuell, denn immer wieder mal

sagen Menschen, Corona sei eine Strafe Gottes. Aber wäre Corona eine Strafe Gottes für sündige Menschen, dann hätten wir alle das Virus. Corona ist ausschließlich der Verantwortungslosigkeit von Menschen zu verdanken – und bestimmt nicht nur den Chinesen, sondern auch den Tourismusmachern in Ischgl und St. Anton; den Politikern, die die Pandemie besiegen wollen, indem sie sie kleinreden; denen, die mit Fleisch und Wurst Milliardengewinne machen wollen – und hier auch unserer Ignoranz, weil wir alle zwar wissen, dass billige Wurst und billiges Fleisch fragwürdig produziert wird – und das Zeug trotzdem viel zu oft kaufen.

Gott straft nicht, sondern Gott ist gnädig und vergibt uns alles – natürlich immer unter der Voraussetzung, dass wir falsche Verhaltens- und Denkweisen  auch einsehen. Aber wer seine Fehler einsieht, dem steht der Weg in Gottes vergebende Arme weit offen. Das ist das Wichtigste. Viel mehr muss eine Pfarrerin, ein Pfarrer sonntags auch gar nicht predigen als dies: Nicht eine Schuld könnte uns auf Dauer von Gott trennen.

Gott straft nicht, sondern Gott vergibt.

Stellen wir uns vor, wie das wäre, wenn auch wir das so praktizieren könnten: vergeben statt strafen; ein freundliches Wort ins Gesicht statt üble Gerede hinterm Rücken; eine Hand zur Versöhnung statt einer Faust, die sich ballt.

Klar, jeder und jede von uns hat Feinde; Menschen, die uns nichts Gutes tun oder nicht gut tun; mit denen wir nie mehr zu tun haben wollen. Doch das Merkwürdige dabei ist, dass diese Menschen unsere Gedanken und Gefühle ganz schön beeinflussen, sie tauchen manchmal sogar nachts auf.

Wie werden wir die los, unsere Feinde? So abgedroschen das jetzt klingen mag, es gibt nur einen Weg, und der heißt: Vergebung. Es muss nicht Versöhnung sein, da ist oft viel Falsch dabei. Vergebung aber, die ist nötig.

Vergebung braucht keine große Geste. Der/die andere braucht nicht einmal etwas davon zu wissen. Vergebung heißt einfach, wie seinerzeit Jesus am Kreuz, Gott zu bitten: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist manchmal viel verlangt! Aber wenn Jesus das am Kreuz konnte, wollen wir es nicht wenigstens immer wieder mal versuchen?

Morgen ist Peter und Paul, der Gedenktag an die Apostel Petrus und Paulus. Die Bibel erzählt, dass die beiden sich gestritten haben wie die Kesselflicker, es gab keine Versöhnung, kein Kompromiss war mehr möglich. Und was taten sie? Sie gingen von da an getrennte Wege – unabhängig voneinander wurden sie zu den zwei bedeutendsten Gestalten des Urchristentums. An diesen beiden können wir uns ein Beispiel nehmen.

Vergeben darf manchmal eben auch heißen: Jeder/jede geht künftig eigene Wege, man muss sich nicht mehr als nötig begegnen. Oder gar nicht mehr.

Vielleicht hilft uns dieser Gedanke in unserem Alltag. Mir hilft er ab und zu, aber was mich restlos überzeugt ist ein Satz eines unbekannten Autors, den ich am Donnerstag auf einem Kalenderblatt in einer Arztpraxis gefunden habe. Da steht folgendes drauf:

„Zu vergeben heißt, einen Gefangenen freizulassen und zu entdecken, dass dieser Gefangene die ganze Zeit DU selbst warst. Vergebung ist ein Geschenk an dich selbst.“

Wenn es jetzt jede/r von uns schafft, in der nächsten Woche EINEM Menschen in diesem Sinne nachhaltig zu vergeben – dann haben wir heute einen ungemein segensreichen Gottesdienst gefeiert.

Amen.