1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

2Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

3töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

4weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

5Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

6suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

7zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

8lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

12Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

13Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

(Schriftlesung aus Pred 3)

 

 

Liebe Gemeinde,

nachdem das Laub von den Bäumen gefallen ist, früh schon die Nacht hereinbricht und es oft ungemütlich ist draußen, merken wir wieder einmal, wie schnell die Zeit vergeht.

Manche empfinden ihre Zeit als vergeudet an den Alltag, anderen läuft sie einfach davon. Auch je nach Alter empfinden wir unsere Zeit sehr verschieden: Jugendliche

blicken nach vorne, wollen erwachsen werden. Wir Ältere sind manchmal schon beim Bilanzieren und blicken immer öfter zurück.

Wir haben vorhin die Schriftlesung aus dem Buch Prediger gehört. Da hat einer vor fast 3000 Jahren jeweils Gegensätzliches zusammen gestellt und sagt: All das hat seine Zeit.

Einigem können wir zustimmen, etwa dem: „Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit.“ Und die Natur bestätigt den nächsten Satz: „Pflanzen hat seine Zeit; ausreißen hat seine Zeit.“ Wir stimmen auch noch dem Satz zu: „Bauen hat seine Zeit, abbrechen hat seine Zeit.“

Aber in unserem Bibeltext stehen auch sehr ernste Sätze, etwa: „Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit.“ Dabei wollen wir doch fröhlich sein. Schwierig ist auch der Satz: „Lieben hat seine Zeit, Hassen hat seine Zeit.“ Dabei wollen wir doch ganz lieben, ewig lieben und niemals hassen. Oder denken wir an den Satz: „Reden hat seine Zeit, Schweigen hat seine Zeit.“ Das wollen viele so nicht. Viele wollen sich mitteilen, wollen reden – aber nicht schweigen.

Doch dieser Bibeltext fragt uns nicht, wie wir unser Leben gerne hätten. Er erinnert uns daran, dass wir nicht auf einer Insel der Glückseligen leben, sondern dass Gutes und weniger Gutes im Leben beständig abwechseln, dafür drei Beispiele:

Wie oft schlägt einstiger Liebe um in Hass; wie oft geschieht es, dass dem Mund, der eben noch schallend gelacht hat, das Lächeln gefriert in dem Moment, da die schmerzliche Nachricht eintrifft. Und wie oft wird zwischen Menschen Kommunikation durch Ablehnung ersetzt! Das ist die Wirklichkeit.

Teil dieser Wirklichkeit sind die Wüstenzeiten unseres Lebens, und diese sind oft fast nicht mehr auszuhalten, diese Zeiten, in denen wir klagen, verlieren, zerreißen, schweigen, hassen und streiten. Wir erwarten vom Leben anderes, wünschen uns Freude und Liebe, Frieden und Lachen. Aber die große Lebenskunst besteht darin, zu akzeptieren, dass unser Leben aus schweren und schönen Zeiten besteht.

Um das auszuhalten, brauchen wir – Zauberwort – Geduld. Sie sagt dem Suchenden: „Irgendwann wirst du finden, wonach du suchst.“ Sie sagt dem, der durch einen Streit verzweifelt ist: „Irgendwann kommt die Zeit der Versöhnung.“ Und sie sagt dem Traurigen: „Es kommt auch für dich wieder eine Zeit, in der du lachen und vor Freude tanzen kannst.“

Wenn wir Geduld haben, können wir ein wenig leichter die Un-Zeiten in unserem Leben akzeptieren; Zeiten, in denen wir mit unserem Schicksal hadern; in denen wir nach dem Warum fragen, ohne eine Antwort zu finden; in denen wir mit niemandem klarkommen, nicht einmal mit uns selbst.

Wie aber kommen wir zu solch einer Geduld? Geduldig sein kann nur, wer darauf baut, dass noch etwas geschehen wird. Ein geduldiger Mensch kann glauben, dass hinter allem, auch wo er es nicht begreifen kann, Gott steht. Selbst wo wir uns von allen Menschen verlassen fühlen - Gott verlässt uns nicht.

Nun muss aber noch etwas Wichtiges angefügt werden: Es gibt in unserem Leben ja nicht nur schwere Zeiten, es gibt auch die Zeiten, in denen alles Leid vorbei ist - es steht ja so im Bibeltext: Da verwandelt sich Klagen in Tanzen, Streitende reichen einander die Hand zum Frieden, Menschen erwachen aus der Schweigsamkeit zum Reden. Da erfüllt sich dann in unserem eigenen Leben das Psalmwort: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“

Am Ende unseres Bibeltextes schreibt der Prediger: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.“ Und er fügt hinzu: „Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ Ich glaube, genau das ist der Zielpunkt dieses Bibelabschnittes: dass wir guten Mutes leben. Guten Mutes angesichts der Gewissheit, die Jahrhunderte später der Apostel Paulus ausdrückte mit den Worten: „Ich bin gewiss, dass mich nichts scheiden kann von der Liebe Gottes.“ So lasst uns guten Mutes sein, indem wir in den schweren Zeiten nicht vor unserem Leben davonlaufen und mit Zuversicht daran denken, dass alle Nöte nur ein Vorletztes sind angesichts dessen, was noch kommt.

Also lasst uns einander durchtragen in dem vielfältigen Auf und Ab unseres Lebens und uns mit den Fröhlichen freuen und mit den Weinenden weinen. Unser Glaube stützt uns in den Tälern unseres Lebens und hilft uns, Schönes und Schweres anzunehmen. Und Gott begleitet uns dabei.

Amen.