Liebe Gemeinde,

für viele Menschen ist heute: Halloween. 1993 von der an Umsatzverlusten leidenden Fastnachtsindustrie in Deutschland eingeführt, entwickelte Halloween sich schnell zum Mega-Ereignis. Und das Schlimme ist, das die meisten gar nicht wissen, woher Halloween stammt.

Schon zu keltischer Zeit wurde es in Irland begangen. Halloween war kein Fest, sondern

verbunden mit nackter Angst. Die Menschen hatten Angst vor den Toten, die in dieser Nacht auf der Erde wandeln würden; und vor allem Angst vor dem Druiden, der in jedem Jahr ein Menschenopfer verlangte. Vor irgendeinem Haus mit einem kleinen Kind blieb er stehen, klopfte an und verlangte mit den Worten „Süßes oder Saures“, dass die Eltern ihr Baby herausgaben. Denen blieb nichts anderes übrig. Hilflos mussten sie zusehen, wie der Druide ihr Kind mitnahm und es noch in derselben Nacht in einem Weidenkorb bei lebendigem Leib verbrannte. Das, liebe Gemeinde, ist der Ursprung von Halloween. Und was für eine Herzlosigkeit ist das, wenn Menschen auch heute noch den Tag der brutalen Kinderschändungen und nie gesühnten Babymorde in lächerlichen Verkleidungen feiern! Halloween – ursprünglich eine Nacht der Angst vor bösen Mächten.

Angst vor bösen Mächten, das trifft auch auf uns zu in diesen Tagen und Wochen. Angst vor einem Virus mit einer erschreckenden Macht, das uns eines klar vor Augen stellt: die Unverfügbarkeit unserer Gesundheit und letztlich unseres Lebens.

Unverfügbar, wir haben unsere Gesundheit nicht in der Hand,

weil wir abhängig sind von einer Minderheit verantwortungsloser Idioten, die mit ihrem Verhalten und geisteskranken Verschwörungstheorien viel Unheil über uns gebracht haben.

Unsere Gesundheit, unser Leben ist uns unverfügbar, schon immer – aber jetzt werden wir unweigerlich daran erinnert,  weil wir abhängig geworden sind von Infektionsverläufen.

All dies kann Angst machen. Eine Angst, wie sie auch die Menschen zur Zeit Martin Luthers hatten.

Denn die damalige Kirche hatte verkündigen lassen: "Gott wirft alle in die Hölle, die für ihre Sünden keine guten Werke tun - oder Ablassbriefe kaufen.“ Mit so einem Zettel konnte man sich, wenn man genug bezahlte, vom Fegefeuer und anderen Höllenstrafen freikaufen.

Luther war wütend. Denn in der Bibel las er: "Gott spricht uns gerecht, wenn wir ihm nur vertrauen" Und diesen liebenden Gott verschwieg die Kirche den Gläubigen! Daher schlug Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg die 95 Thesen an.

Luther weckte damit Begeisterung – und Hass. Letzterer führte dazu, dass im April 1521 zum Reichstag von Worms vorgeladen war. Ihm drohte der Scheiterhaufen.

Nun hätte Luther einfach widerrufen können. Aber er war kein Feigling. Bei der Abreise aus Wittenberg sagte er: "Fliehen und das Wort Gottes im Stich lassen, werde ich, so Christus Gnade gibt, nicht. Und wenn in Worms soviel Teufel wären wie Ziegel auf den Dächern - ich wollte doch hineingehen." Woher nahm Luther diesen Mut? Bestimmt auch durch Jesu Worte über das furchtlose Bekennen, die wir in der Lesung gehört haben.

Und dann steht er, der kleine Mönch aus Wittenberg, vor Kaiser, Königen, Fürsten, Bischöfen und Kardinälen – vor der geballten Macht des Abendlandes. Und sagt: "Mein Gewissen ist im Gotteswort gefangen, und darum will ich nichts widerrufen. Ich kann nicht anders. Hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen."

In diesem und anderen Momenten war Martin Luther ein Vorbild an Demut. Demut – ein sehr altes Wort. Und ein wichtiges. Denn Demut heißt: Ich darf von Gott alles erwarten – und sehe gleichzeitig ein, dass mir selbst vieles unverfügbar ist.

Unverfügbar, das war mit die Hauptbotschaft der Reformation und der 95 Thesen Luthers. Wir können uns das Heil nicht selbst erwerben, steht da. Und: Wir brauchen uns das Heil nicht erwerben, weil es schon lange zu uns gekommen ist.

Heute, 503 Jahre danach, ist unsere Aufgabe immer noch, dass wir das dankbar in unser eigenes Leben aufnehmen; Demut zeigen angesichts des vielen, was wir nicht in der Hand haben.

Das gilt in unserem persönlichen Leben, es gilt aber auch für unsere evangelische Kirche als Ganzes. Gerade am Reformationstag muss das gesagt werden: Sie sollte wieder demütig werden. Endlich demütig werden.

Nicht, wie es jetzt die EKD mit unfassbarer Arroganz beschlossen hat, die unsere Kirche umbauen will zu einem Servicezentrum, das Botschaft und Inhalt des Evangeliums an Zeitgeist, Geschmack und Nachfrage anpassen will. Da heißt es zum Beispiel auch: „Flexible Präsenz von Kirche an wechselnden Orten wird wichtiger.“ Auf deutsch: Unsere Kirchengemeinden vor Ort werden werden peu à peu aufgelöst. Weiter ist die Rede von „Alternativen gottesdienstlicher Feiern und christlicher Gemeinschaft; neue Formen der Versammlung um Wort und Sakrament entstehen.“ Das wird das Ende des Gottesdienstes sein, wie wir ihn kennen, wie er uns lieb und teuer ist, sonst wären wir ja nicht hier!

Solch ein Unsinn – und dann fällt einer Synode nichts Gescheiteres ein als dabei mitzumachen!

So hart das klingt - unsere Kirche ist auf einem ganz falschen Weg. Sie braucht eine Reformation 2.0. Ganz schnell. Und diese Reformation heißt: Nicht darauf warten, bis von Kirchenleitungen die großen Lösungen warten – denn die werden uns nicht vor dem Jüngsten Tag erreichen.

Es braucht jetzt, in unserer Zeit, wieder den mutigen Martin Luther vor dem Reichstag zu Worms, es braucht couragierte Christinnen und Christen, die hinstehen vor Synoden, vor Kirchenleitungen und Würdenträger und ihnen diese einfache Wahrheit entgegenhalten, die da heißt: Entweder wir vertrauen auf Jesus Christus als den Herrn der Kirche und tun SEINEN Willen und werden SEINE Zeugen, oder wir gehen unter, denn alle Konzepte, Werbestrategien sind Menschenwerk und Tand aus Menschenhand.

So lasst uns ans Werk gehen: Beginnend im Kleinen, in unseren Familien, in unseren Gemeinden vor Ort, lasst uns den Glauben leben, miteinander beten und singen, sonntags lasst uns 15 Minuten durch Gottes Wort den Rücken stärken – und dann hinausgehen in den Alltag, damit wir das sein können, wozu wir alle berufen und fähig sind: nämlich als Zeugen der Wirklichkeit Gottes.

Amen.