Liebe Gemeinde,

viele, viele Menschen wurden schon und werden heute noch zu Opfern. Mitten durch Familien und durch Freundeskreise, durch Vereine und Dörfer hindurch schlugen die beiden Weltkriege Schneisen der Trauer, der Fassungslosigkeit und des Entsetzens.

In Dankbarkeit dürfen wir daran denken, dass bei uns

seit 75 Jahren kein Krieg, Und trotzdem, auch heute noch herrscht in insgesamt 23 Staaten Krieg – und die wenigsten bekommen wir mit, weil sie unsere Medien und wohl auch uns nicht weiter interessieren. Opfer der Kriege, sie gibt es weltweit, nach wie vor.

Opfer gibt es auch angesichts des weltweiten Hungers. Vor zwei Jahren wurde als gute Nachricht gefeiert, dass die Zahl der Hungernden unter die Ein-Milliarden-Grenze gesunken ist. Aber ist das eine gute Botschaft, wenn immer noch 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen haben? Die einen verhungern, die andern essen vergoldete Steaks. Ist es ein Wunder, dass so viele Menschen sich auf den Weg nach Europa machen, wo sie ein klitzekleines Stück vom großen Wohlstandkuchen erhaschen wollen? Haben diese Menschen weniger Recht darauf als Sie oder du oder ich?

Auch wenn wir wohlhabend sind in unserem Land, es gibt immer noch Armut, und die Schere zwischen Arm und Reich ist weit geöffnet. Und auch wenn wir keinen Krieg haben in unserem Land, ist doch ein großer Unfriede in unserem Land entbrannt als Folge der Pandemie. Mit Entsetzen nehmen wir wahr: Ausgerechnet jetzt, wo Zusammenhalt, Verantwortung füreinander und Rücksicht aufeinander das Gebot der Stunde sind – ausgerechnet jetzt wird unser Volk gespalten in Befürworter und Gegner der Einschränkungen.

Ich habe großes Verständnis für alle, die um ihre berufliche Existenz und ihr tägliches Brot bangen und deshalb gegen die Maßnahmen protestieren. Aber viele, die letzte Woche in Leipzig marschiert sind,  hatten andere Gründe. Einer davon ist, dass man einen Angriff auf die demokratischen Grundrechte befürchtet, wenn man sich einschränken soll.

Es ist doch nur ein wenig Einschränkung. Wenn ich an die beiden Generationen vor uns denke: Die hatten in und nach dem Krieg tatsächlich Einschränkungen. Aber die haben nicht dagegen geklagt, sondern die Lage akzeptiert. Und ganz nebenbei unser Land wiederaufgebaut.

Opfer des Corona-Virus sind wir alle, auf je unterschiedliche Weise. Obwohl hoch technologisiert, sind wir machtlos. Unsere Hilflosigkeit darüber bringen wir vor Gott, ebenso unsere Trauer: also ein Volkstrauertag im wahrsten Sinn des Wortes.

Welche Perspektive haben wir? Die Leidtragenden sollen getröstet werden, haben wir vorhin gehört. Getröstet, nicht vertröstet. Getröstet, weil wir es Gott zutrauen dürfen, dass er die Zeiten und Umstände ändern wird. Dietrich Bonhoeffer hat diese Hoffnung einmal in folgende Worte gefasst:

Ich glaube,

dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,

Gutes entstehen lassen kann und will.

Dafür braucht er Menschen,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,

dass Gott uns in jeder Notlage

soviel Widerstandskraft geben will,

wie wir brauchen.

Aber er gibt sie nicht im Voraus,

damit wir uns nicht auf uns selbst,

sondern allein auf ihn verlassen.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,

und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube,

dass Gott kein zeitloses Schicksal ist,

sondern dass er auf aufrichtige Gebete

und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Amen.