Liebe Gemeinde,

am Totensonntag zu predigen ist ebenso dankbar wie schwierig. Dankbar, weil ich nicht überlegen muss, worum die Predigt gehen soll. Der Tag gibt mir das Thema vor: „Tod und Auferstehung“. Das Schwierige aber ist: Ich muss

über etwas reden, das ich nur vom Hören-Sagen kenne und nicht beweisen kann.

Dabei möchte ich Sie und euch weder von irgendetwas überzeugen noch zu etwas überreden. Ich will Sie und euch einfach einen weiteren Schritt begleiten auf dem Weg des Trauerns und des Loslassens. Loslassen kann ich einen Menschen aber nur dann, wenn ich weiß: Es geht ihm, es geht ihr gut.

Geht es euren Verstorbenen gut? Ich glaube ganz fest daran. Ich lebe und zehre von den Worten, die wir in der Lesung vorhin gehört haben:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.

Diese Worte sprechen in einer so deutlichen Zuversicht und Gewissheit - ich kann und will nicht anders, als diese schönen Bilder in unser Leben, in unsere Fragen und in unsere Trauer hinein sprechen zu lassen.

Es kommt die Stunde, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes. Liebe Gemeinde, ich glaube nicht deshalb daran, weil man das als Pfarrer so tut und es von einem erwartet wird. Es ist umgekehrt: Ich habe mich für diesen Beruf entschieden, weil ich erlebt habe, was für einen festen Halt einem die Botschaft von der Auferstehung zu geben vermag.

Ich habe schon mehrfach so extrem dichte Erlebnisse im Umfeld des Todes anderer Menschen erlebt, dass ich dann mit Ruhe und Gewissheit Abschied nehmen und loslassen konnte in der tiefen Gewissheit, dass für den Verstorbenen, um den ich trauerte, gesorgt ist.

Aber was für mich noch überzeugender ist, das ist die Zuversicht und Gewissheit von Menschen, die aufrecht dem Tode entgegengegangen sind.

Ich denke an die Märtyrer der ersten Jahrhunderte, die auch die Androhung des Todes nicht zu einem Nein zu ihrem Glauben bewegen konnte; diese Menschen sind stattdessen singend in den Zirkus Maximus eingezogen, wo sie dann von wilden Tieren zerfleischt wurden.

Dietrich Bonhoeffer fällt mir ein, dessen letzte Worte unter dem KZ-Galgen waren: „Die ist das Ende, aber für mich ist das der Anfang.“

An den katholischen Pater Maximilian Kolbe denke ich, der sich stellvertretend für einen Familienvater von den Nazis ermorden ließ, weil der Tod für ihn der Übergang zum neuen Leben war.

Und dann ist da noch meine ehemalige Deutschlehrerin, die klinisch tot auf dem OP-Tisch lag, zurückgeholt wurde und mir gesagt hat: „Ich habe keine Angst mehr vor dem Tod, denn ich habe gesehen, was drüben auf uns wartet.“

Mögen manche Wissenschaftler auch vieles mit chemischen Vorgängen im Gehirn plausibel machen – niemand kann erklären, wie es dazu kommt, dass manche Menschen in ihrer Todesstunde diese größte aller Ängste überwinden konnten.

Ich kann es auch nicht erklären. Aber ich darf sagen, was ich glaube: Ich glaube, dass Gott mit seinem Geist des Trostes uns diese große, große Angst zu nehmen vermag. Ich glaube, dass Gott uns Kraft gibt, um das Leben loszulassen, und dass Gott uns ganz am Ende zeigt, dass es auf der anderen Seite weitergeht.

Meinen Glauben daran hat vor vielen Jahrzehnten meine Oma gestärkt. In dem Bett, das zu ihrem Sterbebett werden sollte, sagte sie: „Bub, merk dir, Christen sehen sich nie ein letztes Mal.“

Lasst uns alle daran denken, wenn wir an unsere in diesem Jahr oder früher Verstorbenen denken: Es gibt kein letztes Mal. Es gibt ein nächstes Mal. Es gibt ein Wiedersehen. Das gibt uns Trost und Kraft. Kraft zum Leben.

Amen.