Liebe Gemeinde,

unsere Straßen und Wohnungen sind adventlich geschmückt, mit Lichtern, Gestecken, Tannenzweige, Sternen und vielem mehr. - Alles ist bereit? Oder fehlt noch etwas?

Angesichts der Pandemie hat diese Woche jemand im Fernsehen gesagt: „Ohne Weihnachtsmärkte und Musik fehlt mir für die Adventszeit das Wesentliche.“ Ist dies das Wesentliche? Aus der Sicht der Bibel bedeutet Advent eigentlich etwas ganz Anderes: nämlich die Zeit der Vorbereitung auf Gottes Kommen, auf Gerechtigkeit und Frieden.

Um Gerechtigkeit und Frieden geht es auch im heute vorgegebenen Bibelabschnitt aus dem Propheten Jeremia, der aus dem Jahr 600 v. Chr. stammt. Israels Könige hatten durch Kriege ihr Volk in die Armut getrieben. Gerechtigkeit gab es nur für Reiche – das Volk war der Willkür von Richtern und Mächtigen unterworfen. Sehnsucht wurde wach - nach einem König, der gerecht war wie König David. In dieser Situation sagte Gott zu Jeremia:

 „Siehe, es kommt die Zeit, da will ich dem David einen gerechten Spross erwecken. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Land üben wird. Zu seiner Zeit soll dem Volk geholfen werden und alle sollen sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: „der Herr unserer Gerechtigkeit.“

Wäre Jeremia heute Morgen, 2500 Jahre später, bei uns, dann würde er vielleicht sagen: „Für den Advent dürft ihr nicht nur eure Wohnungen schmücken. Schmückt auch euer eigenes Leben mit Frieden und Gerechtigkeit, nur dann werdet ihr Gottes Nähe spüren!“ So heißt der 1. Schritt zum Advent: Ich versuche selber, gerecht zu sein. Und Frieden will ich nicht von anderen erwarten, sondern selbst dazu beitragen.

Auf Frieden und Gerechtigkeit haben aber nicht nur wir Anspruch, sondern alle Menschen: Und da herrscht eine furchtbare Ungerechtigkeit! In unserem eigenen Land lebt zum Beispiel jedes sechste Kind in einer Familie, in der das Geld weder für Nahrung noch für Kleidung noch für Bildung reicht; und gleichzeitig gibt es 1,2 Mio. Millionäre. Und durch die Pandemie mit Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlusten hat sich das in diesem Jahr verschärft. Noch weiter klafft die Schere zwischen Arm und Reich weltweit: großer Luxus bei den einen; bei den Anderen Hunger, Krieg, Katastrophen und Tod. Was tun bei dieser Bilanz?

Zunächst: Reich sein ist nicht verboten. Es ist auch nicht unchristlich. Aber Gott erwartet, dass wir uns dessen bewusst werden, wie reich wir materiell sind. Wenn ich das wahrnehme, dann kann ich auch überlegen, ob Gott mir einen Teil meines Wohlstandes vielleicht gerade deshalb gegeben hat, weil ich damit die Not anderer Menschen zumindest lindern kann.

In unserer Kirche ist dieses Denken an andere stark ausgeprägt. Die Diakonie unterstützt Menschen, die durch unser viel zu weites soziales Netz fallen. Gemeindeglieder stecken mir oft Geld zu mit den Worten: „Geben Sie das jemandem, der es dringender braucht.“ Und wir übernehmen auch weltweite Verantwortung, weil die Aktion „Brot für die Welt“ untrennbar dazugehört. Dieses kirchliche Werk sammelt im Advent für Menschen in den Armutsländern, die von Hunger, Krankheit oder Katastrophen bedroht sind. Nicht nur Nahrungsmittel werden dorthin gebracht, das Prinzip heißt: Hilfe zur Selbsthilfe. „Brot für die Welt“ will Lebensbedingungen von Menschen verändern:

  • durch Bau von Bewässerungsanlagen und Brunnen;
  • durch Schaffung von Ausbildungsplätzen, damit Kinder nicht bei Prostitution und Kinderarbeit ausgebeutet werden;
  • durch die Aufklärung von Frauen, damit diese nicht jedes Jahr schwanger werden;
  • oder durch die Bezahlung von Anwälten, die Menschen beistehen, die zu Unrecht verfolgt werden.

Damit folgt „Brot für die Welt“ Jeremias Aufforderung und trägt bei zu Frieden, Recht und Gerechtigkeit.

Viele Menschen fragen, ob dieser Tropfen auf den heißen Stein überhaupt etwas bewirkt. Die Frage ist berechtigt, aber schon oft war der Tropfen auf den heißen Stein der Anfang eines segensreichen Regens. Wir selbst haben es in der Hand, was Aktionen wie „Brot für die Welt“ bewirken können. Heinrich Böll hat vor vielen Jahren gesagt: „Ich glaube an Christus und ich glaube, dass 2 Milliarden Christen auf dieser Erde das Antlitz der Erde verändern können.“ Ich glaube das auch und bin mir sicher, dass auch wir einiges dazu beitragen können, dass in dieser Welt wieder vieles heller wird.

Amen.