Liebe Gemeinde,

die Gedenk-Kerze, die wir heute für unser verstorbenes Gemeindeglied Rösel Schmidt entzündet haben, erinnert uns daran, dass Jesus uns versprochen hat: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis leben, sondern das Licht des Lebens haben.“ Auch die Kerzen am Adventskranz

erinnern uns daran.

Es brennen noch nicht alle vier Kerzen. Das erinnert uns auch daran, dass nicht alles hell und gut ist in unserer Welt.

Nur zwei von vier Kerzen – da denke ich auch an Licht und Dunkelheit in unserem Leben und in dem unserer Mitmenschen. Auch heute in unserem Gottesdienst. Es gibt Freude bei manchen von uns, und es gibt Traurigkeit bei Ihnen, liebe Trauerfamilie.

Und zu unserem Leben als Christenmenschen gehört, dass wir mit beidem leben können. Und auch im Dunkeln schenkt Gott uns immer wieder Lichter der Hoffnung und des neuen Lebensmutes.

Daran, dass Menschen gehen, dass wir Verluste erleiden, können wir nichts ändern, so gerne wir es täten. Und nun könnten wir natürlich sagen: „So ist es halt, wir können auch nichts ändern.“

Aber dann hätten wir etwas Wichtiges vergessen: nämlich dass wir da und dort selbst etwas dazutun können, damit es etwas heller wird in dieser Welt. Und so sagt uns der nur halb erleuchtete Adventskranz: Du selbst kannst etwas dazu tun, dass es heller wird in der Welt, schau dich nur um in dem Halbdunkel um dich herum.

Und im Halbdunkel, da kann man einiges wahrnehmen:

Zum Beispiel am Bahnhof in Offenburg. Da habe ich etwas gesehen, das es eigentlich nicht geben darf: Da hat morgens um halb zehn eine ältere Frau den Abfallkorb nach etwas Essbarem durchsucht und ist auch fündig geworden: Sie zog eine Tüte mit zwei Brötchen heraus, die irgendwer weggeworfen hatte. Die hat sie dann gleich mit Appetit verspeist. Sie hat mich angegrinst und gesagt: „So etwas Weiches kann ich problemlos essen ohne Zähne. Mein Gebiss passt nicht mehr, und die Krankenkasse zahlt kein Neues. Aber mit meinem Kiefer – sie zeigte mir ihren zahnlosen Mund – mit dem kann ich sogar ein Schnitzel durchbeißen.“

Zweites Erlebnis: Als ich am Donnerstag über den Pausenhof in der Schule laufe, höre ich ein Mädchen sagen: „Ich bekomme dieses Jahr zu Weihnachten Geschenke für über 1000 Euro.“

Die eine bettelarm und die andere unverschämt reich, mitten unter uns, dunkel und hell, wie der Adventskranz.

Drittes Erlebnis, ebenfalls in der Schule: Die Kinder erzählen mir voller Freude, was sie am Morgen in ihren Adventskalendern gefunden haben. Nach der Stunde kommt einer vor zu mir und flüstert mir traurig ins Ohr: „Ich habe noch nie einen Adventskalender gehabt.“ Mir verschlägt es die Sprache.

Die einen geliebt und ein anderer vernachlässigt, mitten unter uns, dunkel und hell, wie der Adventskranz.

Solche Geschichten könnten wir alle erzählen. Denn sie spiegeln das wahre Leben wider.

Es ist manchmal schwer auszuhalten, dieses Dunkle und Helle so nahe beieinander. Den einen fehlt‘s am Notwendigsten, Anderen läuft das Glück nur so den Rücken runter.

Mir hilft mir da der Blick auf den Adventskranz. Der bleibt nämlich nicht halb dunkel. Sondern nach und nach wird es immer heller, wenn wir die weiteren Kerzen anzünden.

Und schon bin ich wieder bei uns Menschen. Wir müssen nicht alles Gott überlassen. Wir können selbst auch etwas dafür tun, dass es heller wird in der Welt, denn jede/r kann für Andere ein Licht anzünden. Wäre nicht die unselige Pandemie, würde uns morgen Abend der Chor, in dem Rösel Schmidt so lange dabei war, bei seinem Adventskonzert zusingen: „Zündet Lichter der Freude an!“ - Zündet Lichter an! Das muss nicht einmal etwas kosten: jemandem Mut zusprechen; ein gutes Wort; ein Anruf; ein kurzer Besuch an der Haustür; ein Kind loben; jemandem zuhören; es ist so vieles möglich!

Nur zwei Kerzen brennen heute am Adventskranz. Das ist gut so, denn zu viel Licht verhindert manchmal den klaren Blick ins Dunkel.

Wir lassen nicht zu, dass uns das Licht blendet. Lasst uns die Augen offen halten für die im Dunkeln, die Augen und die Herzen.

Und lasst uns nicht vergessen: Die zwei brennenden Kerzen am Adventskranz sind nicht nur Vorboten für die anderen beiden Kerzen. Sie sind auch Vorboten für Jesus, der irgendwann alles wieder heil machen wird, was zerbrochen ist – in unserem eigenen Leben genauso wie in der ganzen Welt.

Amen.