Liebe Erwachsenen, sind Sie schon mal von einem Kind getröstet worden? Liebe Kinder und Jugendliche, habt ihr schon mal einen Erwachsenen getröstet?

Merkwürdige Fragen! Ich stelle sie, weil

noch nie, von der Zeit des II. Weltkrieges vielleicht abgesehen, an einem Heiligabend weltweit so viele Menschen trostbedürftig waren wie in diesem Jahr. Viele sind heute ganz alleine. Und Unzählige vermissen heute Abend Menschen, mit denen sie unter normalen Umständen feiern würden. Auch wir sind fast alle auf die eine oder andere Weise davon betroffen. Ist da ein Weihnachtsfest überhaupt möglich?

Ich behaupte: Weihnachten ist nicht nur möglich, sondern in diesem Jahr haben wir es nötiger als je zuvor! Denn Weihnachten lebt – ursprünglich – von genau dem, was wir jetzt spüren: vom Kontrast zwischen Dunkel und Hell, zwischen Angst und Freude.

„Fürchtet euch nicht!“ hat der Engel in die Dunkelheit gerufen. Und die ersten, die die Botschaft begriffen, waren die Hirten, um die herum es genauso finster war wie bei vielen heute. Also: Ja! Feiert Weihnachten!

Aber was ist es mit Weihnachtsliedern, die heute vielleicht mehr denn zuvor in der Kehle stecken bleiben?

Gerade die Weihnachtslieder müssen nun laut werden. Hier im Gottesdienst ihre Melodie - und zu Hause lasst uns dieser Lieder singen! Denn fast alle Weihnachtslieder entstanden im Dunkeln, in Traurigkeiten, im Leid. Dazu drei Beispiele:

Vom 30-jährigen Krieg in schwerste Depressionen getrieben, schrieb Michael Schirmer das Adventslied „Nun jauchzet all ihr Frommen“, in dessen 5. Strophe es heißt:

„Ihr Armen und Elenden zu dieser Gnadenzeit,

die ihr an allen Enden müsst haben Angst und Leid.

Seid dennoch wohlgemut, lasst eure Lieder klingen,

dem König Lob zu singen, der ist euer höchstes Gut.“

Johannes Daniel Falk, dem die Pest fünf Kinder geraubt hatte, nahm in einem verfallenen Haus 100 Waisenkinder auf und dichtete für diese Ärmsten der Armen zur Weihnacht 1816 auf die Melodie eines italienischen Volksliedes den deutschen Liedtext:

„O du selige, o du fröhliche,

freudenbringende Weihnachtszeit.

Welt ging verloren, Christ ist geboren.

Freue dich, freue dich, o Christenheit.“

Paul Gerhardt, dem zuerst Frau und Kinder und dann auch noch die Anstellung genommen wurden, konnte in dem wunderschönen Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“ dichten:

„Ich lag in tiefster Todesnacht, du warest meine Sonne;

die Sonne, die mir zugebracht Licht, Leben, Freud und Wonne.

O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht,

wie schön sind deine Strahlen!“

So sind viele der Lieder, die wir an Heiligabend singen, im wahrsten Sinn des Wortes „aus der Not geboren“. Sie zeigen deutlich, welche Hoffnungs- und Lebenskraft das Weihnachtslicht gerade in traurigen Menschen wecken kann.

Menschen in Not – mir fallen heute Abend die ein, die alleine in ihren Wohnungen und Häusern sitzen.

Mir fallen, stellvertretend für alle in Not Geratenen, die Zirkusleute ein, die seit Monaten verzweifelt bei uns an der Pfarrhaustüre klingeln und um ein klein wenig Geld für die Verpflegung der Menschen und Tiere bitten.

Mir fallen die ein, die durch die Pandemie einen Menschen verloren haben und verbittert sind, weil sie doch alles getan hatten, um sich zu schützen.

Ich denke an alle, die heute einen Gottesdienst hätten besuchen wollen, es aber nicht können, weil eine verantwortungslose Minderheit die zweite Welle provoziert hat.

Lasst uns auch die nicht vergessen, die in den ärmsten Ländern der Erde hungrig sind oder ohne Obdach oder auf der Flucht.

Und ich denke natürlich auch an uns. Die wenigsten von uns können Heiligabend so feiern, wie sie es gerne hätten. Überall fehlen Menschen. - Aber lasst uns nicht bitter werden. Lasst uns ganz neu begreifen, dass in diesem Jahr wir ganz besonders angesprochen sind von der Botschaft des Engels: „Fürchtet euch nicht.“

Ich habe vorhin gefragt, ob jemand schon einmal von einem Kind getröstet wurde. In diesem Jahr können und dürfen wir es erleben. Denn das Kind in der Krippe hat als Jesus von Nazareth das Leben und das Leiden kennengelernt. Doch nicht einmal der Tod konnte ihm etwas anhaben. Daher sollen und können wir darauf bauen, dass Jesus, der Christus, nicht von unserer Seite gehen wird – wie schwer auch immer der Moment wiegt, was auch immer die Zukunft bringen mag. Das ist wahrhaftig ein Trost!

In diesen Abend nehmen wir die Worte des Engels mit, die mehr denn je uns gelten: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr! Fürchtet euch nicht!“

Amen.