Liebe Gemeinde,

ein Wort steht im Mittelpunkt des Gleichnisses, das wir gehört haben: die Barmherzigkeit. Um sie geht es auch bei der neuen Jahreslosung, ein Wort Jesu aus dem Lukasevangelium: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“

Wenn ich mit diesem Satz zurückblicke, hat die Corona-Zeit vor allem

das Gegenteil von Barmherzigkeit sichtbar gemacht, einen grenzen- und hemmungslosen Egoismus: Hamsterkäufe bei WC-Papier; unbarmherzige Preise für Masken und Desinfektionsmittel; das Pochen der Touristen auf Bewegungsfreiheit; Fußballvereine, die Extrarechte wollten und bekamen; rücksichtslose Demonstrationen; heimliche Partys (von Jugendlichen und auch von Erwachsenen) mitten in der Lockdown-Zeit, auch hier am Ort; und der Impftourismus, der noch einmal zeigte, dass viele sich selbst der Nächste sind.

Ein Zeugnis der Barmherzigkeit war das Jahr 2020 nicht. Es zeigt uns den Menschen als Egoisten, der oft nur an sich selbst denkt, und erinnert mich an einen Ausspruch des englischen Philosophen Thomas Hobbes, der schon vor fast 400 Jahren sagte: „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, ein Ungeheuer.“ Wobei das eigentlich eine Beleidigung für Wölfe ist, denn Wölfe leben in ihren Rudeln als ausgeprägte Sozialwesen.

Umso wichtiger ist, dass wir nun hören: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Das zeigt uns unsere Bestimmung, wie Gott uns gemeint hat, wie Jesus es uns vorgelebt hat und wozu Gottes Geist uns befähigt.

Jens Spahn hat bereits vor Monaten gesagt: „Wir werden am Ende der Pandemie wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Aber wie schaffen wir das – verzeihen? Wie können wir den Riss kitten, den Verschwörungstheoretiker aufgerissen haben und der mitten durch unsere Gesellschaft geht?

Verzeihen, hat Jesus gesagt, kann der, der sich daran erinnert, wie oft ihm Gott schon vergeben hat. Denn Vergebung ist die Grundlage unserer ganzen Existenz vor Gott.

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Am Beginn eines Jahres, das weiterhin durch die Pandemie geprägt sein wird, kann dieser Satz der Bibel für uns zu einer Lebenshilfe werden.

Lasst uns barmherzig sein mit allen, die die Dinge anders sehen als wir selbst. Lasst uns keine Mauern errichten. Das ist das eine, wozu die Jahreslosung uns für dieses Jahr einlädt.

Aber lasst uns nicht vergessen, dass zur Barmherzigkeit noch ein Zweites gehört, das auch in der Geschichte vom Samariter vorkommt. Der erkennt nämlich, dass er für den anderen eine große Verantwortung hat. Und die nimmt er wahr, indem er sich so lange um ihn kümmert, bis er außer Gefahr ist.

Barmherzig sein 2021 heißt also auch, nicht allein auf Gottes Eingreifen zu hoffen und dann die Hände in den Schoß zu legen; Jesus sagt uns durch das Gleichnis: „Ihr seid füreinander verantwortlich.“ So lasst uns auf einander aufpassen; lasst uns daran denken, dass es barmherzig ist, Abstand zu halten; dass es barmherzig ist, dass wir einander nicht in Gefahr bringen; und dass es barmherzig ist, sich auch hinter verschlossenen Türen und Roll-Läden an die Corona-Regeln zu halten.

Trotzdem: Lasst uns nicht den Stab über Verantwortungslose brechen. Lasst uns offene Worte finden; aber lasst uns auch ein wenig nachsichtig sein. Denn zur Barmherzigkeit gehört auch die Vergebung. Und vielleicht würde Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter im Jahr 2021 so erzählen:

Bei einer Podiumsdiskussion brüllte ein Corona-Leugner einen Virologen, der auf dem Podium saß, an: „Sie sind ein riesiger Idiot, haben keine Ahnung und werden dafür auch noch bezahlt!“ Die Veranstaltung wurde daraufhin abgebrochen, der Corona-Leugner lachte triumphierend in die Kameras der Fernsehsender:   

Ein paar Wochen danach erkrankte dieser üble Mann an Covid 19, wurde mit Blaulicht in die Klinik gefahren – und sollte nun in genau der Isolierstation aufgenommen werden, in der der Virologe aus der Fernsehsendung die Schwerstfälle betreut. Die Fahrerin des Rettungswagen sagte zu dem Mediziner: „Ich weiß, dass Sie kaum noch Platz haben. Können Sie diesen Mann trotzdem noch aufnehmen?“ Der Arzt schaute sich den Erkrankten an. Er erkannte den Mann wieder. Er erinnerte sich an den Hass in dessen Augen bei der Diskussion. Und dann sagte er: „Ich habe noch genau einen Beatmungsplatz frei, den sollte ich eigentlich auch freilassen. Aber ich gebe ihn diesem Mann da.“

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist.“

So lasst uns keine Gräben vertiefen, sondern barmherzig, verantwortungsvoll und nachsichtig miteinander durch dieses Jahr gehen. Gebe Gott, dass uns das gelingt.

Amen.