Mehr als 50 Bürger fanden den Tod im Kirchturm

An der Stelle, wo sich heute der mächtige Turm der evangelischen Kirche in Rheinbischofsheim in den Himmel erhebt, ereignete sich einer der wohl schwärzesten und grauenhaftesten Tage in der Geschichte des Ortes. Am 4. März 1429 fanden im Verlauf des zweiten Bischofskrieges zwischen Straßburg und dem nachbarschaftlichen Adel im Kirchturm der vermutlich ersten Kirche 50 bis 60 Männer den Feuertod.

Dr. Johannes Beinert beschreibt in seinem 1909 im Morstadt Verlag in Kehl erschienen Buch über die "Geschichte des Hanauerlandes unter der Berücksichtigung von Kehl" mit lebendigen Worten die Situation wie folgt:

Der kriegerische und gewalttätige Straßburger Bischof Wilhelm von Diest (1394-1439) lebte mit den Anhängern des Adels in einem ständigen Streit und schloß 1424 mit dem damaligen Markgraf Bernhard von Baden und mit Ludemann IV. (an anderem Ort auch Junker Ludwig IV. genannt - ein Vorfahre der späteren Grafen von Hanau-Lichtenberg) einen Geheimbund. Unklar war jedoch, gegen wen dieser Bund gerichtet sein sollte. Die Stadt Straßburg versuchte in den Folgejahren immer wieder, von sich aus einen Krieg vom Zaun zu brechen. Dies war jedoch den Verschworenen nicht recht und sie schworen sich in einem vieIjährigen Vertrag gegen die Stadt Straßburg zusammen, um das heilige römische Reich zu kräftigen und den Adel zu fördern, weil Straßburg ihnen viel Leid und Schmach zugefügt hatte.

Ludemann IV. sollte seine Streitmacht in Lichtenau und Willstätt bereit halten. Noch kurz vor Ausbruch des Bischofskrieges fand in Willstätt ein Sühnetag statt, bei dem sich alle Beteiligten versöhnen sollten. Nachdem die Willstätter Verhandlungen scheiterten, brach der Krieg offen aus. Die Stadt Straßburg und die freien Städte im Elsaß und am Rhein schlossen sich zusammen, während Herzog Karl von Lothringen und der übrige elsässische Adel dem Bischof von Straßburg zu Hilfe eilten. Mit einer List wurden die Straßburger Brückenwächter überlistet und Ludemann IV. konnte die Brücke nach Straßburg erobern. Obwohl bereits nach einer Stunde die Brücke wieder im Machtbereich der Straßburger war, rächten sich diese durch Raubzüge im Gebiet des machthungrigen Bischofs und seiner Verbündeten. Dabei galt es, den gegnerischen Truppen um Ludemann IV. größtmöglichen Schaden zuzufügen. Dieser hielt sich zu dieser Zeit aber in Worms zu Verhandlungen auf.

Bereits am 2. März 1429 drangen die Straßburger in das rechtsrheinische Gebiet der Lichtenberger ein. Obwohl in der Burg Willstätt eine Ritterbesatzung lag, konnte diese nicht viel unternehmen. Das Ziel der Straßburger lag darin, diese aus der Burg herauszulocken und den Kampf mit ihnen aufzunehmen. Um dies zu erreichen, wurden umliegende Dörfer wie Odelshofen, Legelshurst oder Bodersweier in Brand gesteckt. Als man schließlich die Ritter zu dem erhofften Ausfall gelockt hatte, fielen im Kampf fünf der Ritter in die Hände der Straßburger, die sich daraufhin zurückzogen.

Am 4. März wurde ein weiterer Zug unternommen, dessen Ziel Rheinbischofsheim war. Während die "Reißigen" (Reiter) mit dem Pferd in Richtung Rheinbischofsheim zogen, wurden die als "Handwerker" bezeichneten Vertreter der Zünfte (heute könnte man sie als Pioniere bezeichnen) mit dem Schiff so nahe wie möglich gegen Rheinbischofsheim gebracht. Jedoch waren die lichtenbergischen Untertanen von der Ankunft der Straßburger gewarnt worden. Der Büchsenmeister von Ludemann IV. ließ den bei der Kirche gelegen Kirchhof und die Kirche von Rheinbischofsheim in einem Verteidigungszustand versetzen.

Als die Angreifer ankamen, fanden sie den Kirchhof stark verschanzt und mit vielen Bauern besetzt. Die von den Straßburgern verlangte Kapitulation wurde mit Hohn und Spott beantwortet. "Kuttler" und "Buben" waren zu damaliger Zeit sehr herzhafte Schimpfwörter, mit denen die Angreifer von den Rheinbischofsheimer Bürgern beschimpft wurden.

Mit der Zeit entwickelte sich ein heftiger Kampf um den Kirchhof. Obwohl sich die Bauern heldenhaft wehrten, mussten sie den Kirchhof aufgeben und sie zogen sich in die Kirche zurück, von wo sie aus den Fenstern auf die Angreifer schossen. Als die Fußtruppen in die Kirche eindrangen, zogen sich die Bauern in den Kirchturm zurück. Da vor ihren Augen die Häuser des Dorfes in Flammen aufgingen, entschlossen sie sich bis zum Äußersten zu kämpfen. Der wiederholten Aufforderung zur Kapitulation schenkten sie kein Gehör und mit ihrem Spott wurden die Gegner immer mehr gereizt. Vom Kirchturm wurden Steine und Holzklötze auf die Gegner geschleudert, so dass einige schwer verwundet und drei Knechte der Straßburger tödlich getroffen wurden. Die durch Hohn und Spott in Wut entbrannten Straßburger entschlossen sich, mit äußerster Gewalt anzugreifen. Das heilige Sakrament, das heilige Öl und andere geweihten Gegenstände wurden in das Haus einer hochschwangeren Frau gebracht, deren Haus als einzigstes nicht angezündet worden war. Danach wurde Holz und Stroh herbeigeschafft und Feuer an das Gotteshaus gelegt. Das Feuer sprang bald auf den Turm über und das ganze Gebäude stand schließlich in Flammen.

Die von den Bauern im Turm deponierten Lebensmittel wie Brot, Fleisch, Speck und Schmalz sorgten schließlich dafür, daß das von den Angreifern gelegte Feuer reichlich Nahrung fand und schon bald stand der Turm, dessen Aufgang wie ein Kamin wirkte, in hellen Flammen. Um dem ungeheuren Feuer zu entgehen, sprangen viele vom Turm herab und stürzten sich in die aufgestellten feindlichen Spieße oder brachen sich bei ihrem Sturz das Genick. Die übrigen fanden in den Flammen den Tod.

Obwohl die Bauern sich nun gerne ergeben hätten, konnte ihnen niemand mehr helfen. Es gab keinen Weg mehr zurück, um den tödlichen Flammen zu entkommen. Nach dieser blutigen Tat zogen die siegreichen Straßburger wieder "mit Gottes Hülf' nach Hause, nachdem sie zuvor die Dörfer Hausgereut, Leutesheim und Auenheim gänzlich in Schutt und Asche gelegt hatten.

Als Ludemann IV. von der schrecklichen Tat Nachricht erhielt, sah er ein, wie weit der unselige Krieg geführt hatte und fiel in eine tiefe Depression. Er schloß am 23. März einen Sonderfrieden mit Straßburg und zog sich gänzlich aus dem Krieg zurück, wodurch er die Verachtung seiner ehemals Verbündeten erntete.

Das Schicksal der Männer fand auch seinen Niederschlag in dem Gedicht "Flammentod" von Fritz Seufert aus Rheinbischofsheim. In der Schlußstrophe schildert er, daß nur ein Haus von den Flammen verschont wurde. In diesem Haus wohnte der Überlieferung nach eine hochschwangere Frau kurz vor der Geburt ihres Kindes. In dieses Haus hatte man die geweihten Gegenstände der Kirche gebracht. Im Feuerschein des brennenden Kirchturmes und der brennenden Häuser wurde in dieser Nacht der einzige (männliche) Bürger von Rheinbischofsheim geboren.

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Quellen: Dr.Johannes Beinert "Geschichte des Hanauerlandes unter Berücksichtigung von Kehl"
Morstadt Verlag, Acher- und Bühler Bote, www.rheinaupress.de 

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Flammentod (4. März 1429)

Die Sturmglocke gellt, die Brandstatt dampft 
Und ringsum ist Feld und Flur zerstampft. 
„Die Straßburger kommen zu blutigem Tanz! 
Ihr Bauern! Zurück in die Kirchhofschanz!“ 
Der Weckruf dröhnt über Garten und Weg 
zu Bischofsheim am hohen Steg. 
Ganz nah tönt ein Horn. Ein Grausen befällt 
die Bauern im Kirchhof. Die Sturmglocke gellt!

Zu Roß ziehn die Ritter im Dorfe ein, 
zu Schiff gehn die Zünfte über den Rhein. 
„Ergebt Euch Ihr Bauern, das Dorf steht in Flammen, 
wer Widerstand wagt, den haun wir zusammen!“ 
Vom Kirchhof her schallt ein höhnend Gelächter: 
„Ihr Buben, ihr Kuttler, ihr Schneider und Schlächter, 
glaubt ja nicht, wir ducken vor Städter und Knecht, 
da kennt ihr die Hanauer Bauern schlecht!“

Die Straßburger nehmen den Kirchhof im Sturm. 
Jetzt trotzen die Bauern im festen Turm. 
Da hagelt es Holzklotz und harten Stein 
und schlägt den Feinden die Schädel ein. 
„Das Heiligtum aus der Kirche verwahrt! 
Dann heizt ihnen ein zur Himmelfahrt!“
Ritter Wipprecht befiehlts, schon zucken die Flammen, 
da schmettert ein Stein ihm den Schädel zusammen.

Die Flammen lecken am Kirchturm empor,
aus dem Innern tönt schaurig ein jammernder Chor. 
Die Not ist groß, die Flammen zucken, 
da springen die ersten aus den Luken. 
Mit Speeresspitzen und Pfeifen und Trommeln 
ward den brennenden Bauern ein höhnend Willkommen.
Jetzt krachendes Stürzen - ein Siegergebrüll, 
dann plötzliches Schaudern - totenstill.

Die Sieger ziehn heim, ringsum alles brennt 
nur ein Häuslein steht noch am Straßenend. 
Dort bäumt unter Schmerzen den zuckenden Leib 
auf ärmlichem Lager ein kreißendes Weib. 
Und Feuerschein leuchtet aus sinkender Nacht 
auf Kelch und Monstranz, die man hierher gebracht. 
Da - ein kindlicher Schrei - neuen Lebens Keim – 
der einzige Bürger von Bischofsheim.

Fritz Seufert, Rheinbischofsheim